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Rezension: Belletristik : Der arme Elio

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Italo Svevo schreibt einen Roman über seinen Bruder

          5 Min.

          "Elios Roman" - so lautet die Überschrift eines Textes, der sich im Nachlass Italo Svevos fand. Ein paar Sätze nur, geschrieben auf die Rückseite des Briefbogens einer Bank. In ihnen entwirft Ettore Schmitz, wie er bürgerlich hieß, ein Bild seines früh, nämlich mit zweiundzwanzig Jahren verstorbenen jüngeren Bruders Elio. Was er mit seinem "armen Elio" verlor, sagt ein Satz, der mehr ist als eine bloße Bekundung bürgerlicher Pietät: "Es schien, als wären wir dazu geboren, uns gegenseitig zu ergänzen" - nämlich er selbst als Schriftsteller und Elio als Musiker.

          Wer aber war Elio Schmitz? Man wüsste so gut wie nichts über ihn, gäbe es nicht den großen Koffer, den Svevos Frau Livia Veneziani retten konnte, als sie im August 1943 unter dem Druck der Rassengesetze Triest verließ. Er enthielt neben Svevos Manuskripten und Briefen auch ein paar vergilbte Hefte, die der Autor bis zu seinem Tod 1928 bewahrt hatte: Elios Tagebuch und einige weitere Aufzeichnungen. Das Konvolut wurde erstmalig 1973 als "Lettere a Svevo - Diario di Elio Schmitz" publiziert.

          Spät, doch sehr erwünscht erscheint nun, um einige Zeugnisse erweitert, eine deutsche Ausgabe, ediert und übersetzt von Ragni Maria Gschwend. Ihr Titel "Meine alte, unglückliche Familie Schmitz" führt ein bisschen in die Irre. Nicht Elio spricht so über seine Familie, sondern Ettore, in einem Brief aus dem Jahr 1901. In einer Anwandlung von Nostalgie und schlechtem Gewissen schreibt er an Livia, er denke ein wenig an seine "alte und unglückliche Familie Schmitz".

          Dennoch ist der Titel nicht schlecht. Er verweist auf eine Lücke in unseren Kenntnissen. Wir wissen einiges über die wohlhabende Familie Veneziani, in die Ettore Schmitz einheiratete, nicht zuletzt aus Livias Erinnerungen "Das Leben meines Mannes Italo Svevo", aber sehr wenig über die Familie Schmitz. Was ihr "Alter" und ihr "Unglück" angeht, gibt es bei Svevo wenig zu holen. Abgesehen von der Scheu, Persönliches preiszugeben, sah er wohl Gründe, das Jüdische und Deutsche seiner Herkunft zu verschleiern.

          Das "Autobiografische Profil", die einzige größere Verlautbarung, entstand auf Bitten eines Verlegers und war von einem Freund konzipiert worden. Svevo redigierte und ergänzte bloß und behielt sogar die Form der dritten Person bei. Zur Lust an der Maskierung kam die politische Opportunität in einer Zeit, da Triest, nun zum faschistischen Italien gehörig, seine Italianità demonstrierte. So stellte Svevo seinen Vater zu den "tatkräftigsten italienischen Patrioten" und rechtfertigte sein anstößiges Pseudonym: "Das Pseudonym ,Italo Svevo' wählte er nicht wegen des fernen deutschen Vorfahren, sondern weil er sich in seiner Jugend längere Zeit in Deutschland aufgehalten hatte."

          Man muss also dem Zufall dankbar sein, der den jüngeren Bruder dazu führte, eine "Familienchronik mit eigenen Erinnerungen" zu beginnen, die Aufschluss über die Vorfahren, aber auch über Svevos frühe literarische Entwicklung verspricht. Elio dürfte die Aufzeichnungen nach 1878 begonnen haben, nach der Rückkehr der beiden Brüder aus einem Internat bei Würzburg. Ein Fünfzehn- oder Sechzehnjähriger, anders als sein selbstsicherer Bruder traumatisiert von den Internatserfahrungen, ist buchstäblich in den Schoß der Familie zurückgekehrt. Hier sucht er nach der alten Geborgenheit, hier sucht er seine Person zu stabilisieren, indem er sich seiner Herkunft versichert.

          Gewissenhaft, manchmal etwas naiv, doch mit wachsender Sensibilität schreibt er auf, was in der weitläufigen Familie geschieht und was er über ihre Geschichte in Erfahrung bringt. So entsteht aus Notaten über berufliche Karrieren, Heiraten, Geburten, Krankheiten, Todesfälle das Bild einer assimilierten jüdischen Großfamilie im Triest der achtziger Jahre im achtzehnten Jahrhundert. Die Geschichte der Schmitz' - um nur die Hauptlinie anzudeuten - beginnt beim Großvater Abraham Adolf Schmitz, der aus Siebenbürgen nach Triest kam. Der Vater Franz, vom Hausierer zum Kaufmann aufgestiegen, vermag seine wirtschaftliche Position nicht auf Dauer zu halten. Die Söhne, vom Vater strikt auf eine Handelskarriere verwiesen, müssen nach dem geschäftlichen Ruin des Vaters subalterne Stellen annehmen: Ettore bei der Wiener Unionbank, Elio als glückloser und jahrelang unbezahlter Praktikant.

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