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Rezension: Belletristik : Der Antigone-Komplex

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Christine Angot hat ein Jugendtrauma zum Roman gemacht. In "Inzest" erzählt die Französin vom Alltag einer Schriftstellerin ihres Namens, die eine homoerotische Beziehung eingeht. Das lesbische Verhältnis sprengt den Kokon der Normalität und bringt Verdrängtes zu Bewußtsein. Die Protagonistin setzt ...

          Christine Angot hat ein Jugendtrauma zum Roman gemacht. In "Inzest" erzählt die Französin vom Alltag einer Schriftstellerin ihres Namens, die eine homoerotische Beziehung eingeht. Das lesbische Verhältnis sprengt den Kokon der Normalität und bringt Verdrängtes zu Bewußtsein. Die Protagonistin setzt sich nicht nur mit den aktuellen Widerständen und Neigungen gegenüber dem eigenen Geschlecht auseinander, sondern auch mit dem ihr einst widerfahrenen väterlichen Inzest. Zusätzliche Brisanz erhält der Knoten von Tabuthemen durch Angots Einbeziehung ihrer Tochter und die ungehemmte Reflexion auf sexuelle Komponenten mütterlicher Liebe. Die Erzählerin ist Opfer und Täter zugleich, sie bewegt sich mit einer geradezu hysterischen Direktheit auf den Demarkationslinien des Denkbaren, klagt an und entschuldigt, sammelt vor allem emotionale Fakten. Man könnte ihre Innenschau als eine Spätform der Empfindsamkeit bezeichnen, eine Selbstprüfung, die immer wieder ins Politische umschlägt und die Gesellschaft vor allem da zur Verantwortung zieht, wo sie den Blick abwenden möchte.

          Empörung löste in Frankreich nicht nur die plastische Beschreibung der "Liebesspiele" aus, in denen der Vater Christine instruierte. Als unverzeihlich wurde die autobiographische Beibehaltung der Namen empfunden, die Auslieferung von Tochter, Vater und Geliebter an das von Talk-Shows entfachte Publikum. Dabei ist Angots Buch alles andere als eine Skandalerzählung. Die Autorin kennt sich in der Psychoanalyse ebenso aus wie in neueren, dekonstruktiven Sprachtheorien. Die öffentliche Beichte ist zugleich ein detektivisches Unternehmen. Angot geht den Spuren des Inzests in Versprechern und Fehlhandlungen nach und läßt ihrer panischen Befindlichkeit in einer gehetzten, von erratischen Satzzeichen durchschossenen Rede freien Lauf: "Anfangs war ich unbefriedigt. Und dann. War ich es nicht mehr. Ich war es mehr und mehr nicht mehr. Bis auf eine Sache (ich komme später darauf zurück), die ich nie mit Lust getan habe." Der Roman überträgt das Inzest-Prinzip der Grenzschleifung auf die Literatur. Seitenweise fehlt jede Interpunktion, dann wieder jagen sich die Zäsuren, arretieren den Ausdruck mitten in der Formulierung, lassen Gedanken untertauchen, sich übereinanderschieben, "meinen üblichen Brei", nennt das Angot, "meine typische inzestuöse Vermengung".

          Die Protagonistin wurde von ihrem Vater nicht vergewaltigt, sondern verführt. Er mißbrauchte die schwärmerische Neugier des vierzehnjährigen Scheidungskindes, das seinem Erzeuger nie begegnet war, und ging die Verbindung wie eine gewöhnliche Affäre an. Das Ergebnis ist ein vergewaltigtes Bewußtsein: "Verschmelzung von Persönlichkeit, Verbindung, Vermengung, das ist meine mentale Struktur." Angots Roman ist ein Rundumschlag, der sich wie Laokoon in den Banden der Sittlichkeit windet. Zu den Peinlichkeiten des Buches gehört auch das ungalante Urteil über Unzulänglichkeiten der Geliebten. In einer Art von kindischem Loyalitätstest spielt die Erzählerin nicht etwa die Intensität der Gefühle gegen ihre Freundin aus, sondern - pervers genug - das, was Flaubert "idées reçus", vorgefaßte Meinungen nannte. Indem "man das Klonen von Menschen untersagt", heißt es zum Beispiel, "verpflichtet man zur Fortpflanzung, und das ist gut". Die intendierte Gemeinheit, die in solchen Sätzen steckt, vergleicht die Autorin mit dem unbarmherzigen Laufwerk einer Maschine, "einer Verbalmaschine, einer Maschinerie, äußerst effektiv, äußerst destruktiv, äußerst hinterhältig, äußerst sadistisch vor allem".

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