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Rezension: Belletristik : Der Antigone-Komplex

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Angot vergleicht den inzestuösen Seelenzustand mit einem "Haus ohne Wände", in dem nichts verborgen bleibt: "Mein Vater leidet an Alzheimer, wie sein Vater auch. Ich leide an der entgegengesetzten Krankheit." Und doch sind die fehlenden Scheidewände geradezu die Bedingung für das Eingeschlossensein, funktioniert Öffentlichkeit doch nur, solange sie dem anderen Raum läßt, ihn nicht mit Projektionen überwältigt. "Er hat mich nicht anerkannt", sagt Angot über ihren Vater. Der Respekt, an dem er es fehlen ließ, erzeugt paradoxerweise eine Großmannssucht, die gegen alle Distanzierungsversuche der Geliebten Sturm läuft. Gab es noch Zweifel, ob sich dem Ödipus- ein Antigone-Komplex zur Seite stellen läßt, so räumt Angot diese Vorbehalte aus. Nicht zufällig ist die griechische Königstochter für sie eine zentrale Identifikationsfigur. Der Inzest enthält der Tochter die Erfahrung von den Grenzen des Begehrens vor. Ein Hauptthema des Buches sind die zermürbenden, endlos wiederholten Telefonate, mit denen sie ihre Freundin terrorisiert; "geistige Folter" nennt das Angot.

Zum pathologischen Narzißmus der Autorin gehört der vehemente Wunsch, nicht von ein, zwei Menschen, sondern von der ganzen Welt geliebt zu werden. In ihrem nächsten Buch, das - mit Anspielung auf den Antigone-Stoff - "Quitter la ville", "Die Stadt verlassen" heißt, hat Angot sich mit der Rezeption von "Inzest" auseinandergesetzt. Nichts ist ihr, wie sie freimütig zugibt, so wichtig wie die Verkaufszahlen ihres Bestsellers, die sie wie Liebesbeweise feiert. Bei nachlassendem Kaufinteresse stürzt sie in eine Depression, und der Haß gegen den Vater kehrt sich der Öffentlichkeit zu. Von ihr verlangt Angot, was jener nicht geleistet hat, Zuneigung bei gleichzeitigem Respekt, Souveränität und Empathie. Bitter verwünscht sie ihre überforderten Leser, besonders, wenn sie ihnen persönlich begegnet, gar Rede und Antwort stehen soll.

Zum geschlossenen System des Wahns, das "Inzest" und das Folgebuch präsentieren, gehört auch die quälende Selbstzerfleischung. Die Aggression gegenüber der Freundin erklärt Angot masochistisch über die Identifikation mit dem Objekt. Unterscheidungsschwäche bei gleichzeitiger mentaler Hyperaktivität scheint das Hauptresultat des inzestuösen Einschnitts. Der Kopf kommt nicht zur Ruhe in seinem Versuch, das Geschehene zu begreifen. Was dem "Roman" seine ungewöhnliche Schärfe gibt, ist das Bewußtsein, untröstlich und weitgehend ohne Sympathie zu sein. Der Inzest, sagt die Autorin, das sind die anderen. Das literarische Begräbnis des Vaters, der kurz nach der Veröffentlichung des Skandalbuchs tatsächlich starb, unternimmt den Versuch, dem Inzest in der Kultur einen Platz einzuräumen. Doch Angot präsentiert ihn nicht als eine wie auch immer problematische Form, sondern als ein offenes, weiter wucherndes Geschwür, vor dem nur die Verdrängung rettet. Die Leser haben den Inzest nicht mitvollzogen, sondern ihn als skurriles Phänomen isoliert und begafft. Gerade dadurch jedoch fühlt Angot sich mißbraucht und unverstanden. "Inzest" nimmt deren Reaktion schon vorweg, verteilt die Rollen. Angots herbe Wehklage zeigt, daß es keinen Ausweg aus den Strukturen ihres beschädigten Ich-Bewußtseins gibt. Es müßte sich einer anderen Autorität anvertrauen, doch das Vermögen dazu hat deren Urbild, der Vater, ein für allemal demoliert. Die Bitterkeit des explosiven Buches liegt darin, daß es sich in dieser Hinsicht keine Illusionen macht.

INGEBORG HARMS

Christine Angot: "Inzest". Roman. Aus dem Französischen von Christian Ruzicska und Colette Demoncy. Tropen Verlag, Köln 2001. 186 S., geb., 16,80 .

Christine Angot: "Die Stadt verlassen". Roman. Aus dem Französischen von Christian Ruzicska. Tropen Verlag, Köln 2002. 184 S., geb., 17,80 .

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