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Rezension: Belletristik : Der Abel von Ardebil

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Abbas Maarufis Totenmusik / Von Wolfgang Günter Lerch

          Das Exil oder die Gefangenschaft gehören zu den Erfahrungen vieler iranischer Schrifsteller dieses Jahrhunderts. In seinen "Ayyam-e Mahbas", den "Tagen im Gefängnis", hat der bekannte persische Prosaist Ali Daschti seine Kerkerhaft in der Zeit der Pahlewi-Dynastie verarbeitet. Jahrzehntelang hielt sich einer der Altmeister der persischen Literaturwissenschaft, der auch selbst als Erzähler hervorgetreten ist, Bozorg-e Alawi, im Ost-Berliner Exil auf. Andere iranische Autoren, wie Aref Qazwini, flüchteten zu Beginn des Jahrhunderts in die benachbarte Türkei, oder sie wurden, wie im Jahre 1924 der rebellische Lyriker Mirzade Eschqi oder 1939 Farrochi Yazdi, einfach ermordet.

          Diese unselige Tradition der Schriftstellerverfolgung findet unter den gegenwärtig in Teheran herrschenden Mullahs ihre traurige Fortsetzung. Der vorläufig letzte in das Exil getriebene Dichter ist Abbas Maarufi, der seit dem Sommer in Deutschland lebt. Ein iranisches Gericht hatte den 39 Jahre alten Autor verurteilt - unter anderem zu der anachronistischen Strafe von zwanzig Peitschenhieben - und ihn darüber hinaus mit einem Publikationsverbot belegt. Die Begründung: Er habe den Islam geschmäht. Dabei versteht sich der Dichter als gläubiger Muslim. Doch kritische Texte in der von ihm edierten Zeitschrift "Gardun" (Himmelsgewölbe) hatten offenbar Ärgernis erregt.

          Schon vor sieben Jahren hat Maarufi den Roman "Samfoni-ye mordegan" veröffentlicht, der sogleich für Aufsehen sorgte. Dies wird auch seine deutsche Fassung tun, die nun unter dem Titel "Symphonie der Toten", übersetzt von Anneliese Ghahraman-Beck, erschienen ist. Es ist keine einfache Lektüre. Der Autor hat moderne westliche Romantheorien rezipiert und ein Werk vorgelegt, das auch außerhalb Irans Bestand haben wird. Perspektivenwechsel und Zeitrückungen beherrscht der Autor virtuos. Maarufi ist, wie viele Schriftsteller des Orients, auch von russischen Autoren, etwa Dostojewski, beeinflußt. Schließlich spielt die eigene Tradition moderner Prosa eine Rolle. Der in vielem düstere Roman Maarufis erinnert an jene "dark tradition" zeitgenössischer persischer Literatur, die in Iran mit dem großen Sadegh Hedayat verknüpft ist, der sich 1951 das Leben nahm.

          Der viersätzigen Roman-Symphonie steht als Ouvertüre ein Auszug aus der Koran-Sure "al Ma'ida" voran, welche die biblische Geschichte vom Brudermord Kains an Abel aufgreift. Davon handelt auch der größte Teil des Romans. Schauplatz ist der iranische Teil Aserbaidschans, eine vornehmlich von Türken bewohnte Region. Daß die Handlung vor allem in der dort gelegenen Stadt Ardebil spielt, ist alles andere als Zufall: Aus Ardebil stammte jener von dem Sufi-Scheich Safioddin Ardebili begründete Derwisch-Orden, der 1501 unter dem kämpferischen Schah Esma'il den schiitischen Islam in Iran an die Macht brachte und noch im selben Jahrhundert zur Staatsreligion erhob. Dies gilt bis heute.

          Die Stadt Ardebil fungiert im Roman somit als Chiffre für das traditionalistische schiitische Iran, dessen Verhältnisse den Hintergrund für eine Familientragödie vom Ausmaß der Atriden abgeben. Auch das Milieu ist mit Bedacht gewählt, denn der iranische pater familias, Djaber, ist ein Händler, der Nüsse und Trockenfrüchte verkauft, also ein Basari. Die Basaris sind bis heute das gesellschaftliche Rückgrat des religiösen Establishments, sie waren auch eine der wichtigsten Stützen jener Gesellschaft, die vor nun siebzehn Jahren Chomeini in Teheran an die Macht brachte. Der zeitliche Rahmen der Handlung freilich liegt zwischen 1940 und 1970.

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