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Rezension: Belletristik : Den Herzschlag mit Hartnäckigkeit ertrotzen

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Das lange Sterben der Halina Poswiatowska / Von Monika Maron

          Halina Poswiatowska starb 1967 mit zweiunddreißig Jahren in Krakau. Sie hinterließ drei Lyrikbände, Reisereportagen über ihren dreijährigen Aufenthalt in Amerika, zwei Erzählungen, ein Theaterstück und die "Erzählung für einen Freund", die nun unter der Gattungsbezeichnung Roman in deutscher Übersetzung beim Piper Verlag erschienen ist.

          Halina Poswiatowska erzählt die Geschichte ihres Lebens, das seit der Kindheit im Zeichen des Todes stand. Während des Krieges erkrankte sie an einer Angina, die nicht ausreichend behandelt wurde und das Herz lebensbedrohlich schädigte. Gequält von Atemnot und Fieberschüben, verbrachte Halina Poswiatowska Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Krankenbett, unterrichtet von der Mutter, verwiesen auf die eigene Phantasie und die Magie der Literatur. Sie begann Gedichte zu schreiben, veröffentlichte einige in einer Literaturzeitschrift, errang Aufmerksamkeit, die gewiß nicht zuletzt eine Sammelaktion für eine Herzoperation in Amerika befördert haben dürfte.

          Die Operation gelang, und in einer märchenhaft anmutenden Wendung brach sich das Leben der Halina Poswiatowska Bahn wie ein angestauter Fluß. Sie nahm die Enttäuschung ihrer Gönner und Retter in Kauf und blieb in Amerika, lernte innerhalb einiger Monate Englisch, erkämpfte sich ein Stipendium und studierte am Smith-College in Massachusetts. Das große Amerika, die Riesenstadt New York waren die angemessenen Objekte ihres Lebenshungers und ihrer Sucht zu lernen, bis das Heimweh sie drei Jahre später zurück nach Krakau trieb.

          Um es vorwegzunehmen: Diese offensichtlich ganz und gar autobiographische Erzählung als Roman zu deklarieren - die polnische Originalausgabe verzichtet auf eine Genrebezeichnung - entzieht dem Buch sowohl inhaltlich als auch formal einen Teil seiner Legitimation. Diese Geschichte will authentisch sein. Die Autorität der Wirklichkeit, des So-ist-es-Gewesen, verändert die Bedeutung der Strukturen und der Details. Die geschilderten Ereignisse müssen nicht der Geschichte dienen, sondern sie sind, ohne ein Warum erklären zu müssen, die Geschichte selbst. Wäre Halina Poswiatowskas Bericht über Todesangst und Lebenssehnsucht, über Resignation und Wiedergeburt nicht gedeckt durch ihr Erleben und darum unbestreitbares Wissen um die Abgründe, würden wir ihr wahrscheinlich weniger willig durch Kliniken, Sanatorien und Arztzimmer folgen und würden vermutlich auch die poetische Metapher in ihrer Geschichte vermissen. Gerade weil die Erzählung nicht mehr will, als den eigenen ungewöhnlichen Lebens- und Entscheidungsweg einem verlorenen Freund - und über ihn der Öffentlichkeit - verständlich zu machen, weil sie eben nicht Fiktion, sondern detailgenaue Wahrheitssuche ist, verkehrt der auferlegte Anspruch, ein Roman zu sein, ihre Tugenden in Mängel.

          Poswiatowska erzählt, wie sie sich das elementare Leben, das Atmen, Laufen, den Herzschlag, Jahr für Jahr ertrotzt, sie erzählt vom täglichen nächtlichen Sterben in den Krankenbetten um sie herum, und manchmal scheint es, als sei ihr der Tod vertrauter als das Leben. Wenn sie über die Schicksale und Tode schreibt, die ihr während der Krankenhausaufenthalte begegnen, beeindruckt sie durch eine unsentimentale, nicht einmal mehr erschrockene Wahrnehmung und eine feste Sprache, die ihr in der Erzählung vom Leben, die eher eine von der Sehnsucht nach Leben ist, nicht immer gelingt. Ihre wirkliche Lebenserfahrung ist die Sterblichkeit.

          Im Spannungsfeld zwischen leidenschaftlichem Lebenwollen und immerwährender Todesbedrohung entwickelt Poswiatowska einen ebenso kühlen wie zärtlichen Blick auf ihre erfahrbare Welt. Der Fensterblick muß Landschaft und Jahreszeiten ersetzen, ein seltener Spaziergang um den Krakauer Markt die Stadt, aus jeder Begegnung wird das kleinste Lächeln, das leiseste Wort gesogen. Alles muß als Leben taugen, weil es ihr einziges Leben ist. Ihre erste große Liebe trifft sie in einem Sanatorium. Der Mann ist herzkrank wie sie selbst. Mit achtzehn Jahren heiratet sie; zwei Jahre später stirbt der Mann.

          Mit der Herzoperation in Philadelphia beginnt Halina Poswiatowskas zweites Leben. Explosionsartig verwandeln sich Fiktion und Hoffnung in Wirklichkeit. Endlich kann sie atmen, schnell laufen, lernen und lieben, die vier Synonyme für Leben in ihrem Buch. Ihr geübter Blick einer Außenstehenden, nun gerichtet auf das fremde Land, ihre Fähigkeit, dem geringsten Ereignis noch die letzte Nuance abzugewinnen, lassen ihre Erzählung über Amerika zu dem gelungensten Teil des Buches werden.

          Sie beschreibt die polnische Emigrantenszene, das Leben am Smith-College, New York und seine Bewohner in sicheren Skizzen und atmosphärischer Genauigkeit, ohne dabei auch nur in die Nähe der bekannten Klischees zu geraten. Weniger geglückt und manchmal sogar wirklich mißglückt lesen sich die Selbstbeschreibungen der Autorin. Als wäre dieser Teil ihrer Wahrnehmungsfähigkeit durch fehlende Lebenserfahrung nicht mit ihr gereift, wirken sie oft ungeschickt, jungmädchenhaft, gleiten sprachlich ins Sentimentale ("Ich hob meine ernsten Augen zu ihm empor"; "da verbarg ich mein Gesicht an seiner Brust und weinte aus tiefster Seele"). Aber diese Biographie weckt in uns genügend Bewunderung und Mitgefühl, um der Autorin das Unausgereifte ihrer Prosa nachzusehen.

          Vielleicht drängt sich zuweilen auch die Lyrikerin störend vor die Erzählerin. Leider ist das lyrische Werk der Poswiatowska nicht übersetzt, obwohl sie in Polen vor allem als Lyrikerin bekannt und das Interesse an ihrer Lebensgeschichte eben auch das Interesse an der Dichterin ist. Ein geplanter Gedichtband, der zeitgleich mit der "Erzählung für einen Freund" im Heiderhoff-Verlag Eisingen erscheinen sollte, ist nach Auskunft des Verlages gescheitert, weil die Übersetzung nicht vertragsgemäß geliefert wurde. So bedauerlich das ist, erhält es Poswiatowskas Gedichten allerdings die Chance einer glücklicheren Übersetzung als die ihrer Prosa, die derselben Übersetzerin anvertraut war. Die Übersetzung gehört zu den verlegerischen Sünden an Poswiatowskas Erzählung. Nicht nur, daß die Übersetzerin die Schwächen des Textes offensichtlich verstärkt, ohne zu berücksichtigen, daß im Polnischen noch erträglich sein kann, was im Deutschen als peinlich und rührselig empfunden wird, sondern sie wählt unter den möglichen Synonymen vorwiegend die gängigsten, stakst in einer schüleraufsatzhaften Sprache, verändert Wortbedeutungen unstatthaft ("Pein" statt "Stigma") und produziert Stilblüten, die einem Lektor allerdings nicht hätten entgehen dürfen ("Der Connecticut schlängelte sich wie eine sich windende Schlange"). Trotzdem bleibt die Erzählung eine lohnende Lektüre, weil Halina Poswiatowska uns teilhaben läßt an ihrer gehetzten Entdeckung des Lebens und uns mit ihrem jugendlichen Lebenshunger in Bereiche des Todes führt, die nur wenige von uns gestreift haben.

          Halina Poswiatowska: "Erzählung für einen Freund". Roman. Aus dem Polnischen übersetzt von Monika Cagliesi-Zenkteler. Piper Verlag, München 2000. 240 S., geb., 36,- DM.

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