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Rezension: Belletristik : Den Herzschlag mit Hartnäckigkeit ertrotzen

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Im Spannungsfeld zwischen leidenschaftlichem Lebenwollen und immerwährender Todesbedrohung entwickelt Poswiatowska einen ebenso kühlen wie zärtlichen Blick auf ihre erfahrbare Welt. Der Fensterblick muß Landschaft und Jahreszeiten ersetzen, ein seltener Spaziergang um den Krakauer Markt die Stadt, aus jeder Begegnung wird das kleinste Lächeln, das leiseste Wort gesogen. Alles muß als Leben taugen, weil es ihr einziges Leben ist. Ihre erste große Liebe trifft sie in einem Sanatorium. Der Mann ist herzkrank wie sie selbst. Mit achtzehn Jahren heiratet sie; zwei Jahre später stirbt der Mann.

Mit der Herzoperation in Philadelphia beginnt Halina Poswiatowskas zweites Leben. Explosionsartig verwandeln sich Fiktion und Hoffnung in Wirklichkeit. Endlich kann sie atmen, schnell laufen, lernen und lieben, die vier Synonyme für Leben in ihrem Buch. Ihr geübter Blick einer Außenstehenden, nun gerichtet auf das fremde Land, ihre Fähigkeit, dem geringsten Ereignis noch die letzte Nuance abzugewinnen, lassen ihre Erzählung über Amerika zu dem gelungensten Teil des Buches werden.

Sie beschreibt die polnische Emigrantenszene, das Leben am Smith-College, New York und seine Bewohner in sicheren Skizzen und atmosphärischer Genauigkeit, ohne dabei auch nur in die Nähe der bekannten Klischees zu geraten. Weniger geglückt und manchmal sogar wirklich mißglückt lesen sich die Selbstbeschreibungen der Autorin. Als wäre dieser Teil ihrer Wahrnehmungsfähigkeit durch fehlende Lebenserfahrung nicht mit ihr gereift, wirken sie oft ungeschickt, jungmädchenhaft, gleiten sprachlich ins Sentimentale ("Ich hob meine ernsten Augen zu ihm empor"; "da verbarg ich mein Gesicht an seiner Brust und weinte aus tiefster Seele"). Aber diese Biographie weckt in uns genügend Bewunderung und Mitgefühl, um der Autorin das Unausgereifte ihrer Prosa nachzusehen.

Vielleicht drängt sich zuweilen auch die Lyrikerin störend vor die Erzählerin. Leider ist das lyrische Werk der Poswiatowska nicht übersetzt, obwohl sie in Polen vor allem als Lyrikerin bekannt und das Interesse an ihrer Lebensgeschichte eben auch das Interesse an der Dichterin ist. Ein geplanter Gedichtband, der zeitgleich mit der "Erzählung für einen Freund" im Heiderhoff-Verlag Eisingen erscheinen sollte, ist nach Auskunft des Verlages gescheitert, weil die Übersetzung nicht vertragsgemäß geliefert wurde. So bedauerlich das ist, erhält es Poswiatowskas Gedichten allerdings die Chance einer glücklicheren Übersetzung als die ihrer Prosa, die derselben Übersetzerin anvertraut war. Die Übersetzung gehört zu den verlegerischen Sünden an Poswiatowskas Erzählung. Nicht nur, daß die Übersetzerin die Schwächen des Textes offensichtlich verstärkt, ohne zu berücksichtigen, daß im Polnischen noch erträglich sein kann, was im Deutschen als peinlich und rührselig empfunden wird, sondern sie wählt unter den möglichen Synonymen vorwiegend die gängigsten, stakst in einer schüleraufsatzhaften Sprache, verändert Wortbedeutungen unstatthaft ("Pein" statt "Stigma") und produziert Stilblüten, die einem Lektor allerdings nicht hätten entgehen dürfen ("Der Connecticut schlängelte sich wie eine sich windende Schlange"). Trotzdem bleibt die Erzählung eine lohnende Lektüre, weil Halina Poswiatowska uns teilhaben läßt an ihrer gehetzten Entdeckung des Lebens und uns mit ihrem jugendlichen Lebenshunger in Bereiche des Todes führt, die nur wenige von uns gestreift haben.

Halina Poswiatowska: "Erzählung für einen Freund". Roman. Aus dem Polnischen übersetzt von Monika Cagliesi-Zenkteler. Piper Verlag, München 2000. 240 S., geb., 36,- DM.

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