https://www.faz.net/-gr3-31n8

Rezension: Belletristik : Demut vor dem Leser

  • Aktualisiert am

Er ißt sein Brot ohne Tränen, aber mit staubigen Fingern, während er verstohlen zur Gouvernante hinüberschielt, die zwei frisierte Kinder hütet. So dürfe man nicht essen, sagt die Dame, weil dadurch der ganze Dreck in den Magen gelange. Sie zeigt mit dem Finger auf Gustl wie auf ein Tier: "So ißt man ...

          4 Min.

          Er ißt sein Brot ohne Tränen, aber mit staubigen Fingern, während er verstohlen zur Gouvernante hinüberschielt, die zwei frisierte Kinder hütet. So dürfe man nicht essen, sagt die Dame, weil dadurch der ganze Dreck in den Magen gelange. Sie zeigt mit dem Finger auf Gustl wie auf ein Tier: "So ißt man die Krankheiten in sich hinein!" Gustl wünschte, er hätte nie in das Brot gebissen. Er bereut seine Gier, den Hunger und sein Dasein, weil er in diesem Augenblick nicht als Mensch, sondern als Exempel gilt für eine verfehlte Erziehung.

          "Der Dichter", so heißt die kurze Erzählung der Wiener Autorin Veza Canetti, die den Sieg des Geistes über alle Drangsal feiert. Die Klassenschranken werden nicht eingerissen, sie zeugen in ihrer monumentalen Bedeutung von einer engstirnigen Gesellschaft, die sich zu ihrem eigenen Wohl Grenzen setzt und vielfach innerhalb dieser Barrieren scheitert. In der Schule wissen später alle, was sie einmal werden wollen, ob Pilot, Kapitän oder Bürgermeister. Nur Gustl bleibt schweigsam. Ihn zieht es zur Poesie. Niemand erkennt Gustl wieder, als er nach Jahren heimkehrt und in müde Augen blickt, die einmal glühten, aber das ist lange her. Die Frau des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti läßt ihn am Ende in aller Stille triumphieren, ohne Anflüge von Schadenfreude.

          Veza Canettis Band "Der Fund" versammelt ihre bislang letzten Erzählungen und Kurzdramen, denen allen, gleich ob sie einen beschwingten oder schwermütigen Ton anschlagen, ein einziges Thema, sozusagen eine Lebensklugheit, gemein ist. Das Gefälle zwischen Reichen und Armen, solchen, denen alle Türen offenstehen, und anderen, die zeitlebens durchs Schlüsselloch auf Komfort und Luxus der anderen spähen, prägt das Werk der Autorin. Schon ihre kürzesten Erzählungen, kaum vier, fünf Seiten lang, atmen das Flair des Schattendaseins, das unerträglich wird, wenn plötzlich schöne, angesehene Figuren auftreten und Beliebigkeiten austauschen, weil sie nie das harte Los der Verzweifelten teilten. Immer ist es der vergleichende Blick auf das Fremde, welcher die eigene Existenz in Frage stellt.

          Vielfach setzen hier Kleinodien den Gedankenstrom in Gang, ein Brief, ein Kleid, ein Fingerzeig, der den Unterschied manifestiert, den sozialen, aber auch den physischen. Denn auffallend oft müssen Canettis Helden mit einem Makel leben, wie auch die Autorin selbst daran litt, ohne linken Unterarm aufzuwachsen. Marie heißt das Mädchen mit dem krummen Rücken, die den Hut immer weit in den Nacken schiebt, weil sie ihren Buckel verstecken will. Anna zieht ihn dagegen in die Stirn, um ihr entstelltes Gesicht zu verbergen. In der Erzählung "Drei Viertel" verkleiden sich die beiden Frauen nach außen wie nach innen hin, denn jeder sichtbare Defekt hinterläßt auch Seelenstriemen: Wenn Maria auf Menschen zugeht, zeigt sie keine Scheu, nur Blicke von hinten auf das gewundene Rückgrat schmerzen wie Messerstiche. "Im hellen Zimmer fiel ein Lehnstuhl auf. Er hatte einen hohen, würdigen Rücken. Als sie darin saß, schien es, als wäre sie jetzt ganz sie selbst. Sie hatte ihren Raum, sie hatte keine Seite, keine Rückseite, sie steckte im Schutz der hohen Lehne wie eine Puppe in der Schachtel." Mögen andere darüber klagen, mit dem Rücken an der Wand zu stehen, Maria ist es angenehm, ihre Schulterblätter gegen Mauern zu pressen.

          Weitere Themen

          Irland sehen und schaudern

          Serie „Dublin Murders“ : Irland sehen und schaudern

          In „Dublin Murders“ wirft ein Fall zwei Ermittler auf ihre eigene Kindheit zurück. Die Serie ist düster, psychologisch dicht, das Gegenteil der heiteren Geschichten, die bei uns sonst von der grünen Insel erzählt werden.

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

          Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.
          Bleibt mehr Geld von der Betriebsrente?

          Betriebsrenten : Zusatzrente vom Chef

          Die Regierung macht Betriebsrenten attraktiver: Künftig werden weniger Krankenkassenbeiträge fällig. Vier Millionen Rentner dürfen sich freuen. Und was ist mit dem Rest?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.