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Rezension: Belletristik : Demut vor dem Leser

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Veza Canettis Werk, nicht nur der jüngste Band, ist in der Tat ein reicher Fund, auch wenn die Zeit an den meisten Texten nicht spurlos vorübergegangen ist: Die nun erschienenen Erzählungen unterscheiden rigoros zwischen Guten und Bösen oder, milder ausgedrückt, zwischen besseren und schlechteren Menschen. Gewiß ist diese scharf gezogene Charaktergrenze auch Teil ihrer eigenen Lebenserfahrung gewesen. Für Charaktertiefe bleibt in diesem Schema allerdings wenig Raum. Canetti schätzt ihre Helden, ob sie nun Herrn Hoe beisteht, der aus Weltekel in den Raubtierkäfig steigt, weil kein Tier so bösartig wie der Mensch sei, oder ob sie ihre Hauptfigur vor dem stechenden Blick des Hellsehers bewahrt. Man könnte auch sagen, Canettis Erzählungen sind im verborgenen gereift und in manchem durchaus zeitgemäß, denn gemessen an der Trennschärfe, die gerade heute zwischen dem Lager der vermeintlichen Weltverbesserer und dem der Schurken eingefordert wird, wirkt Canettis Prosa geradezu nuancenreich.

Vielleicht, weil sie am eigenen Leib erfuhr, was es hieß, aus der Gesellschaft verstoßen zu werden, vielleicht auch wegen ihrer eigenen Behinderung, vermittelt die Autorin ein Gefühl für die Schuld einer minderen sozialen Abkunft. Ihre Neugier gilt den kleinen Leuten und deren Träumen. In den zwanziger Jahren veröffentlichte sie einige Erzählungen in der Wiener "Arbeiter-Zeitung", oft unter dem Pseudonym Veza Magd. Schon mit diesem scheuen Auftritt verriet sie Demut vor dem Leser. Ein Leben im verborgenen, geduckt und unscheinbar, führte diese Autorin in den späten zwanziger Jahren. Als Jüdin wurde sie geschmäht, wenn auch der Chefredakteur zunächst an ihr festhielt, weil sie die besten Geschichten lieferte. Dennoch mußte sie schließlich vor den Nationalsozialisten über Frankreich nach England fliehen. An der Seite Canettis galt sie bald nur noch als Frau des berühmten Schriftstellers, nicht mehr als kreativer Kopf, der eigenständige Werke schrieb. Erst in den neunziger Jahren gelangten ihre Werke ans Licht der Öffentlichkeit. Zu spät gewiß, aber früh genug für ein Publikum, das eintauchen will in die typisch wienerische Atmosphäre zwischen den Kriegen, in eine Welt, die, kaum wiedererstanden, neuerlich dem Untergang entgegentrieb.

Ihre beiden Dramen "Der Tiger" und "Der Palankin" jedoch verblassen neben den Erzählungen. Es sind Stücke mit schwammigen Höhepunkten und vagen Pointen, das erste, ein Lustspiel im alten Wien, stößt eine anständige Frau in die Arme eines halbseidenen Kaffeehausbesitzers, das zweite läßt einen verdrossenen Einbrecher in einem Londoner Nobelviertel erfolglos von Villa zu Villa streunen, weil er immer mit der Aussicht auf reichen Profit vertröstet und zum Nachbarn geschickt wird. Veza Canettis Lustspiele sind von so viel Ernst und Milieukritik durchtränkt, daß der Witz nicht mehr zünden kann. Umgekehrt gelingt die Mischung vortrefflich, wenn sie mit sanfter Ironie über das Leid in den Prosastücken hinwegzwinkert.

Canettis Stärke liegt in der bündigen Darstellung, wenn jeder Satz wie eine Sprachrampe wirkt, welche die Gedanken des Lesers über Punkt und Komma hinausbefördert. Ihre Schilderung, so anschaulich und poetisch sie sein mag, tippt vieles nur an, hält es in der Schwebe, bis man dem vorläufigen Finale aus eigener Kraft ein zweites, endgültiges, hinzudenkt: In "Die Flucht vor der Erde" verfällt ein Wissenschaftler auf die Idee, sich selbst in die Erdumlaufbahn zu katapultieren. Seinen Tod wünscht er sich fern der Erde, deren Bewohner ihn mehr und mehr befremden. "Möchte mit Beendigung des fürchterlichen Meisterwerks auch sein Wahn zu Ende sein." Es schwingt noch Hoffnung in diesem Schlußsatz, etwas, das ihn nicht bleischwer aufs Papier drückt, sondern zum Auftakt einer neuen Zeit erklärt, einem Epilog der Umkehr, den man nicht lesen, nur erfinden kann.

ALEXANDER BARTL

Veza Canetti: "Der Fund". Erzählungen und Stücke. Carl Hanser Verlag, München 2001. 352 S., geb., 46,- DM.

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