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Rezension: Belletristik : Das Zittern der Gebote

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Gustaw Herlings nächtliches Tagebuch / Von Stephan Wackwitz

          Als junger Mann von einundzwanzig Jahren - die Deutschen und die Sowjets hatten die Polnische Republik gerade zum vierten Mal geteilt - versuchte Gustaw Herling-Grudzinski, sich auf dem Umweg über Litauen nach Frankreich durchzuschlagen, um in einer polnischen Einheit gegen die deutsche Wehrmacht zu kämpfen. Er landete in einem sowjetischen Straflager und kam erst nach dem Bruch des Hitler-Stalin-Pakts frei. Als 1951 "A world apart", sein essayistisch-dokumentarischer Reportageroman über diese Gefangenschaft, versehen mit einem Vorwort Bertrand Russells, in London erschien, hatte Herling-Grudzinski eine glanzvolle militärische Laufbahn hinter sich, hatte sich in den Kämpfen am Monte Cassino ausgezeichnet, lebte in Italien, schrieb für die polnische Exilzeitschrift "Kultura" in Paris und begleitete die Kämpfe seiner Landsleute jenseits des Eisernen Vorhangs als einflussreiches Mitglied jener literarischen Emigration, die in der Kultur unseres östlichen Nachbarn bis heute eine so wichtige Rolle spielt wie in der Kultur keines anderen europäischen Landes.

          Herling-Grudzinskis tagebuchartige Kolumnen in der "Kultura", die sich noch heute auf den Bestsellertischen der Krakauer Buchhandlungen stapeln, wurden bis 1989 im Handgepäck der wenigen Reisekader eingeschmuggelt und gingen als zerlesene Kostbarkeiten von Hand zu Hand. Die polnische Emigration hat niemals einen brain drain bedeutet, weil die Verbindung mit der Welt auch in den finstersten Jahrzehnten durch solche Verbindungen aufrechterhalten worden ist. Es ist deshalb nicht übertrieben, die Auswahl dieser Kolumnen aus den Jahren von 1984 bis 1995 als eine Innenansicht unseres Nachbarlandes zu lesen, von dem man in Deutschland wenig weiß.

          Es ist eine traumatisiert europäische Bewusstseinslage, die sich einer solchen Innenschau eröffnet. "Wenn die Erinnerung an das, was in Europa während des letzten Krieges geschehen ist, überhaupt einen Sinn haben soll" - dies ist ein Zitat aus Herling-Grudzinskis Roman von 1951 -, "dann müssen wir für einen Augenblick die üblichen moralischen Grundsätze vergessen, von denen sich unsere Großväter und Väter in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts leiten ließen, damals, als sich der positivistische Mythos des Fortschritts zu verwirklichen schien." Die Aufzeichnungen im "Tagebuch bei Nacht geschrieben" enden 1995 in Amalfi mit den bangen Fragen eines Europäers: "Wieder wuchsen Befürchtungen in mir, die mich an recht aberwitzige Katastrophen denken ließen . . . Und was geschieht, wenn dieses Meisterwerk einer inkrustierten Front und der Campanile vor dem Hintergrund der Berge neue Barbaren anzieht in einem morschen, ängstlich zitternden Europa, das jedes Schamgefühl verloren hat?"

          "Warten auf die Barbaren" - Kafavis' Jahrhundertgedicht wird im Westen als eine frivole Fantasie der Erneuerung zitiert, als sehnsüchtige Erwartung der Kraft, der Frische einer Außenwelt. Für einen polnischen Europäer jedoch ist Barbarei kein Gedankenspiel, sondern gelebte Erfahrung, an die man sich erinnert wie an eine noch nicht lange vernarbte Wunde. Dabei kann man ausschließen, dass Herling-Grudzinski die Barbaren als jene verzweifelten Flüchtlinge versteht, die in verrosteten Schiffen die Küsten des Kontinents anlaufen. Die Barbaren, vor denen er sich fürchtet, kommen aus dem Innern Europas, und der einzige Schutzwall, den das "morsche, ängstlich zitternde Europa" gegen sie aufrichten kann, besteht in einer Moralität, die den naiven Fortschrittsglauben des vortotalitären Europa transzendiert. Herling-Grudzinskis Tagebuch ist nichts anderes als das fortlaufende - politische Nachrichten, historische Erinnerungen, Kunsterlebnisse, Lektüre, Klatsch und den Alltag reflektierend verarbeitende - Projekt, eine solche Moralität aus dem Ephemeren zu destillieren. Man kann voraussetzen, dass dieses moralische Moment seines literarischen Unternehmens die polnischen Leser der "Kultura"-Kolumnen seit den fünfziger Jahren an der Arbeit dieses Schriftstellers so leidenschaftlich interessiert hat, dass sie Gefängnisstrafen für diese Lektüre riskierten.

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