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Rezension: Belletristik : Das weiße Jagdgewehr

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Eine sizilianische Familie kämpft gegen die Mafia

          Pericle treibt Schafe auf die Weide. Der Tag ist noch jung, Morgennebel hängt in den Hügeln. Nach getaner Arbeit geht der zwölfjährige Junge in die Schule und macht seiner angebeteten Mitschülerin noch schnell die Schularbeiten. Ruhig, idyllisch, kindernah, Zitronenduft; wenn eine sizilianische Geschichte so beginnt, wird der Schlag um so entsetzlicher.

          Die Klassentür wird aufgerissen, eine Frau und ein Mann zeigen auf Pericle, sie ergreifen ihn, stecken ihn in ein Auto, werfen ihm eine Decke über den Kopf. Blitzschnell ist die Aktion, professionell ausgeführt, wie nur die Mafia es kann. Pericle ist sich gewiß, daß dies das Ende ist. Sein Vater verschwand schon vor einem Vierteljahr. Lupara bianca, munkelt man im Dorf, das weiße Jagdgewehr. Mord ohne Leiche, ein Mensch verschwindet, jedes sizilianische Kind weiß davon.

          Eine Mafia-Story für die Kleinen: Muß das sein? Bei diesem Autor ist keine Gewaltorgie zu befürchten. Werner Raith ist ein Mann der nüchternen Recherche, langjähriger Italien-Korrespondent und inzwischen ein bekannter Mafia-Experte. Eher ist von ihm eine mit Aufklärung überladene Geschichte zu erwarten. Aber auch das bleibt aus.

          Während das Auto gen Norden braust, überschlagen sich Pericles Gedanken. Ist sein Vater ein Mafioso? Der Codex der Mafia verbietet es, jemals darüber zu reden. Mafiosi lassen Taten sprechen, am liebsten den Tod, das Zeichen der Unbesiegbarkeit. Als man Pericle in ein Flugzeug bugsiert, wird ihm klar, daß seine Entführer Polizisten sind. Und sie sagen, daß der Vater lebt! Kurz darf er ihn auf dem Flughafen in Rom sehen. Der Vater ist ernst und wortkarg, erstmals fällt das Wort "Verräter". Denn nun ist der Vater ein Zeuge gegen die Mafia. Die entscheidende Frage, die Pericle nicht zu stellen wagt, beantwortet der Staatsanwalt dennoch: "Doch, auch dein Vater hat Verbrechen begangen." So hat er also einen doppelt schuldigen Vater.

          Pericle, seine Mutter und die Geschwister bekommen von der Polizei eine neue Identität. Sie erhalten eine Wohnung im Norden Italiens, müssen den neuen Dialekt lernen, der Kontakt zu Verwandten und Bekannten ist verboten. Sie stehen unter ständigem Polizeischutz, und in der Schule muß sich Pericle als Sonderling geben. Schließlich bricht der ältere Bruder aus und verrät den Verräter an den Mafia-Clan des Patenonkels. Auch der Staatsanwalt entpuppt sich als ein Mann der Mafia. Nichts ist so, wie es scheint, und niemand ist da, dem Pericle vertrauen kann.

          Werner Raith erzählt am Beispiel einer Familie vom Herzstück der Mafia-Bekämpfung der letzten Jahre: die Aussagebereitschaft von mehreren tausend Mafiosi. Nach der Selbstorganisierung der Mafia-Opfer formierte sich in Palermo eine kleine Gruppe mutiger Ermittlungsbeamter, und Mitte der achtziger Jahre packte Tommaso Buscetta, einer der größten Mafia-Bosse, aus. Der schwerste Rückschlag erfolgte 1992 mit der Ermordung der beiden weltweit effektivsten Mafia-Ermittler Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Erst danach wurde installiert, was die beiden immer gefordert hatten: ein Zeugenschutzprogramm, das sich bald als Grundstein für Italiens stille Revolution zu einem modernen Staat erwies und in das auch Pericles Familie aufgenommen wurde.

          Werner Raith konzentriert sich auf die Familiendynamik dieser Polizeitechnik. Ihm ist eine spannende und mit der Problematik von Verrat an Gruppen, die ihre Verbrechen mit den Begriffen Ehre, Freundschaft und Familie kaschieren, auch aktuelle Erzählung gelungen. Werner Raith ist gewiß kein Poet, aber ein genauer und kluger Beobachter, er zeigt Anteilnahme und bleibt doch unbestechlich. "Verräterkind" ist eine geradlinige Geschichte, nicht dieser Firlefanz, mit dem manche Sensationsgeschichten den Mythos Mafia doch nur stärken. JÜRGEN STAHLBERG

          Werner Raith: "Verräterkind". Elefanten Press Verlag, Berlin 1997. 144 S., geb., 26,90 DM. Ab 12 J.

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