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Rezension: Belletristik : Das Schwert im Wintermärchen

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Theorien auf Wanderschaft: Die frühen Aufsätze von Edward Said

          4 Min.

          "Traveling Theory" nennt Edward Said einen seiner Essays, von der deutschen Übersetzung etwas altbacken als "Theorien auf Wanderschaft" wiedergegeben. Der eine, homogene Raum von Wissenschaft und Kultur ist nur noch Legende. Literatur und Literaturkritik sind gefordert, auf die "Globalisierung" zu reagieren. Für die Mobilität der Theoriebildungen und die Statusveränderungen des Intellektuellen zwischen den Kulturen gilt Edward Said nach seinem Buch "Orientalism" von 1978 als Experte. "Orientalismus" als westliche Imagination über den "Orient" und als Machtdiskurs im Sinne Foucaults ist mehr als nur der Exotismus in der Literatur. "Orientalismus" meint die Organisation des Wissens im Interesse der Kolonialmächte. Von "Einbildungskraft und Politik" handelte Saids nachfolgende Aufsatzsammlung "Kultur und Imperialismus" (deutsch 1994), der nun der frühere Band "Die Welt, der Text und der Kritiker" mit Aufsätzen aus den Jahren 1969 bis 1981 hinterhergeschickt wird.

          Diese ungleichmäßige deutsche Rezeptionsgeschichte dokumentiert Ratlosigkeit, aber auch eine wachsende Aufmerksamkeit für das, was Saids Autorität als "literary critic" zwischen den Kulturen in den Vereinigten Staaten ausmacht: seine doppelte Kompetenz als politischer Autor und Anwalt der palästinensischen Befreiungsbewegung ("Zionismus und palästinensische Selbstbestimmung", 1981) einerseits und als Theoretiker des angloamerikanisch geprägten Literaturkanons andererseits.

          Westliches Kanonwissen der Theorien von Marx, Freud und Lukács bis zu Foucault, Lacan und Derrida sowie der Literaturgeschichte von Jane Austen, den englischen Literaturkritikern des neunzehnten Jahrhunderts und Joseph Conrad bis hin zu Yeats, Camus und Beckett: Said unterwandert den Besitzstand des Wissens durch die Kritik des Exilanten und Außenseiters, der, wie Heine im "Wintermärchen", vom engen Zusammenhang zwischen Gedanke und Tat, Wort und Schwert nicht absehen kann. Es ist interessant zu beobachten, welche deutschen Autoren in Saids Weltliteratur vorkommen: Ferdinand Tönnies und Georg Simmel, Rilke und Thomas Mann, immer wieder Walter Benjamin und, keineswegs überraschend, Erich Auerbach, dessen "Mimesis"-Buch von 1946 für den Exil-Autor Said einen hohen Identifikationswert hat.

          Die vorliegende Essaysammlung kommt verspätet und ist doch nicht veraltet. Was Anfang der achtziger Jahre als "rettende Kritik" gegenüber dem Dekonstruktivismus der Derrida-Schule und dem an Herrschaftsverhältnissen allzu wenig interessierten Machtbegriff Foucaults gelten konnte, gewinnt heute, nach der offensichtlichen Erschöpfung von "reiner" Texttheorie und "absoluter" Repräsentationskritik, wieder an Bedeutung. Der seit damals erfolgte rasante Aufschwung von Ethnologie, Anthropologie und "new historicism" ist wie die aktuelle Abwendung von der "vertexteten" zugunsten der "performativen" Kultur in Saids Kritik bereits angelegt. Vor allem für die "post-colonial studies" wirkte Said als Vorbild, weniger für die diversen, meist gruppenspezifischen Interessen verbundenen "cultural studies". Seine Reith-Lectures für die BBC ("Representations of the Intellectual", 1994) halten sich - in kritischer Brechung - sogar verstärkt an die Macht des Kanons.

          Die deutsche Ausgabe der frühen Essays ist um drei Kapitel über Raymond Schwab, Ernest Renan, Louis Massignon und die "linke" Literaturdebatte in den Vereinigten Staaten gekürzt. Sie enthält Saids grundlegende Bestimmungen der Begriffe "Text", "Kultur" und "Repräsentation" sowie seine Überlegungen zur Kategorie der Originalität und - mit Blick auf Giambattista Vico - zum Prinzip der Wiederholung als zivilisatorischem Akt. Hinzu kommen Rückblicke auf die Naturgeschichte bei Maupertius und Buffon, Exerzitien zur Frage des "organischen Intellektuellen" nach Gramsci und - als Probe aufs Exempel - Interpretationen seiner Lieblingsautoren Jonathan Swift und Joseph Conrad.

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