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Rezension: Belletristik : Das Schwein spricht

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Anarchie in Frankreich: Eine Fabel hat Erfolg

          Eine junge Frau erzählt, wie sie eine Anstellung in einer Parfümerie findet. Dort dient sie auch, was sie selbst nicht weiter verwundert, als Prostituierte. Die Kunden mögen sie, weil sie so gesund wirkt. "In jener Phase meines Lebens fanden mich alle Männer wunderbar elastisch." Bald tritt eine Verwandlung ein. Sie wird dick und immer dicker, mag keine Schinkenbrote mehr und entwickelt statt dessen einen großen Appetit auf Äpfel, Kastanien und Kartoffeln. Ihre Haut wird rosig und bekommt graue Flecken. Lange bleiben die Kunden ihr treu, oder sie findet neue, doch irgendwann machen die Bedürfnisse eines Tiers sie berufsuntauglich. Am Ende sitzt ein zufrieden grunzendes Schwein auf der Lichtung. Die Geschichte ist kein Meisterwerk und auch nicht lang. Sie kommt munter plappernd daher, fast ohne Absätze erzählt, an einem Stück.

          Die Autorin ist sehr jung, hat Literatur an einer Elitehochschule, der Ecole normale supérieure in Paris, studiert und heißt Marie Darrieussecq. "Truismes", ihr erster Roman, hatte im vergangenen Herbst einen großen Erfolg in Frankreich, und die Feuilletons erzählten immer wieder dieselbe Geschichte: daß sich dieses Buch von einem unverlangt eingesandten Manuskript in einen Bestseller verwandelte, daß die Rechte noch vor Erscheinen ins Ausland verkauft wurden und daß der Titel doppeldeutig sei: "Truismes" sind schlichte Wahrheiten, und "la truie", die Sau, verbirgt sich auch darin. Seit sechs Jahren, seit den "Feldern der Ehre" von Jean Rouaud, hat sich kein französischer Debütant so gut verkauft. Jean-Luc Godard wird die Geschichte verfilmen. In dieser Woche ist das Buch unter dem Titel "Schweinerei" bei Hanser auf deutsch erschienen.

          Warum ist dieses Büchlein so erfolgreich? Die französische Kritik hat die Gefährten des Odysseus zitiert, die von der Zauberin Circe in Schweine verwandelt wurden, sie nannte Ovid, Jean de La Fontaine, Franz Kafka mit seinem Käfer Gregor Samsa und auch Bernard Mandevilles "Bienenfabel". Bei aller Gelehrsamkeit blieb das Offensichtliche unerwähnt: Dieses Buch ist ein Angestelltenroman, der eine Wendung ins Surreale nimmt. "Wir Mädchen brachten alle große finanzielle Opfer, wir hatten Angst, die Firma könnte bankrott gehen und wir unsere Arbeit verlieren." Erzählt wird vom Auseinanderbrechen einer brüchigen Welt, von einem durch die Natur erzwungenen Abschied aus einer Marktwirtschaft, die aller Freundlichkeit entkleidet ist.

          Die Handlung des Romans ist um ein paar Jahre in die Zukunft versetzt. Die Währung heißt Euro. Ein Präsident ähnelt Jean-Marie Le Pen. Was einem heute widerfahren kann, ist vergröbert und ins Groteske gezogen. Die wenigsten können noch von ihrer Arbeit leben. Eine Frau bekommt nur dann eine Stelle, wenn sie sich sexuell belästigen läßt. Daß die Parfümerie dem Bordellbetrieb als Fassade dient, ist nichts Ungewöhnliches, da die Unterscheidung von Beruf und Privatleben keinen Boden mehr hat. Es wird nicht unterschieden, die Intimität geht ganz im Geschäftsleben auf, die Intimität ist Arbeit.

          Es gab vor Jahren einen Film, der vom Untergang der bürgerlichen Welt und vom Durchbruch einer fröhlichen Anarchie berichtete. Es war ein Kultfilm, der vielleicht immer noch in den Programmkinos läuft: "Themroc", und die Regie hatte Claude Faraldo. Michel Piccoli spielte einen Arbeiter, der eines Tages die Façon verlor, seinen Job hinschmiß und die bürgerliche Fassade zerschlug. Brüllend kam dahinter der wahre Mann zum Vorschein, der mit seinen Weibern Polizisten vom Grill verzehrte. Der Film erzählte davon, wie einer den imaginären Vertrag mit der Zivilisation kündigte und sich in etwas Glücklicheres, Vormenschliches zurückverwandelte. "Themroc" berichtete von der Überflüssigkeit der Revolution. Denn das bessere Leben schlummerte bereits im Menschen selber und wartete nur darauf, befreit zu werden. Am Ende brüllte ganz Paris, weil der Mensch gut ist und die Franzosen ein gutes Volk sind.

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