https://www.faz.net/-gr3-6qmgi

Rezension: Belletristik : Das Schicksal trägt Krawatte

  • Aktualisiert am

Orientalisch blickdicht: Cheryl Benard beklagt den Tod einer Gazelle

          Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie, vorwärts wie rückwärts. Ein Jäger mit Gazelle ist zwar nicht palindromtauglich, dafür aber ein beliebtes Motiv der Ghasel-Dichtung Pakistans. Das Ghasel, abgeleitet aus dem arabischen "ghazal" für "Gespinst", ist zunächst einmal eine trickreiche Formvariante orientalischer Lyrik und nicht, wie die Amerikanerin Cheryl Benard gefühlvoll erläutert, "eine Art Ballade" schwermütigen Inhalts, deren Bezeichnung sich einer gejagten, in Todesfurcht erstarrten Gazelle verdankt. Doch darauf kommt es hier weniger an.

          Cheryl Benard, bekannt als Verfasserin feministischer Sachbuch-Klassiker wie "Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe", hat unverzagt wie der Neger im Regen ihren ersten Roman geschrieben. "Der Tod der Gazelle" spielt im pakistanischen Peshawar und könnte das neue Genre eines frauenbewegten Islam-Krimis begründen, der mit Schmonzetten wie "Nicht ohne meine Tochter" das festgemauerte Vorurteil gegen alles Mohammedanische gemeinsam hat, anders als jene aber eine gerüttelte Dosis Humor unter dem Tschador versteckt.

          "Dschingis-Khan würde sich hier zu Hause fühlen. Karl Marx auch", notiert die Ich-Erzählerin, eine amerikanische Journalistin, über Peshawar und fügt ein paar launige Beobachtungen an, die diese Stadt vor dem Leserauge Gestalt annehmen lassen wie eine wüste Fata Morgana, irgendwo zwischen dem "Requisitenlager Fellinis" und einem "extragalaktischen Zirkus" angesiedelt. In Peshawar, dem "Ort für das Gipfeltreffen der internationalen Wahnsinnigenliga", sind die Verhältnisse, gelinde gesagt, unübersichtlich. Das gilt auch für die Romanhandlung, die laut Klappentext von der Frage angetrieben wird, ob die Frau immer die Gazelle, sprich, das Opfer sein muß und der Mann immer der Jäger. Es versteht sich von selbst, daß Cheryl Benard die Frage verneint, was allerdings nicht heißt, daß sie im kriminalistischen Sinne verständlich machen könnte, wie sie zu ihrem frauenfreundlichen Resultat kommt.

          Die Journalistin sucht ihren verschwundenen Bruder, der im Auftrag seiner Baufirma nach Peshawar reisen mußte und dort nichts hinterlassen hat als eine klebrige Blutspur auf dem Eiswürfelautomaten seines Hotels. Ein islamischer Geistlicher, für den "die ganze Welt ein rasendes Freudenhaus" ist, vergreift sich lüstern an seiner schönen, tendenziell aufsässigen Hausangestellten Fatima und verkuppelt sie anschließend mit bedeutenden Männern des öffentlichen Lebens. Unter denen wiederum räumt ein Serienmörder gründlich auf, der entweder eine Frau zu sein scheint oder ein Mann in Frauenkleidern (die Verhüllungspraktiken des Islam eröffnen da grenzenlos geschlechterübergreifende Möglichkeiten) und der am Tatort jeweils ein mysteriöses Gedichtfragment hinterläßt.

          Am Ende hat der Kommissar von Peshawar - selbst im Wüstenchaos gibt es offenbar stinknormale Dienstleistungsbetriebe - die Lösung gefunden, aber verhaftet wird niemand, was angesichts des islamischen Hacker-Strafrechts gewiß ein Segen ist. Die Gazelle, das sei hier verraten, überlebt und sieht einer Modelkarriere in England entgegen.

          Der etwas zu blickdicht verschleierte Krimi-Plot ist entschieden langweiliger als Cheryl Benards teils blauäugige, teils gewitzte Seitenhiebe gegen die Sitten und Gebräuche eines Orients, der sich zwischen Mittelalter und Moderne nicht entscheiden kann. Wir erfahren, daß Pakistan "die wahrscheinlich bestgekleidete Frauenbewegung der Welt" besitzt und daß die Errichtung von Damentoiletten in der Wüste unter Umständen lebensrettend sein, ja die Unsterblichkeit sichern kann. Locker eingestreut sind feministische Bonmots eindeutig westlicher Provenienz: "Wenn Frauen sich ihr Schicksal vorstellen, trägt dieses Schicksal meist eine Krawatte."

          Die Autorin hat ihr Werk selbst ins Deutsche übersetzt, und das ist ihr recht respektabel gelungen. Kleine Ausrutscher wie der von der Frau, die sich "mit einem halben anbiedernden Auge auf die anwesenden Männer" als Nicht-Feministin outet, steigern den Unterhaltungswert. Und wenn man weiß, daß Cheryl Benard einen Wohnsitz in Wien hat, dann braucht man nicht erst den Koran zu bemühen, um das Wesen Gottes zu ergründen: Gott ist, auf gut österreichisch, "ein riesiger Fliegenpracker". KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Cheryl Benard: "Der Tod der Gazelle". Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 1997. 253 S., geb., 38,- DM.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

          Klare Ansage : Kovac will Real-Star nicht beim FC Bayern

          Den Spekulationen um einen möglichen prominenten Neuzugang erteilt Bayern-Trainer eine vehemente Absage. Die Zukunft von Renato Sanches bei Bayern München scheint jedoch geklärt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.