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Rezension: Belletristik : Das Rückgrat der Nacht

  • Aktualisiert am

Roman einer israelisch-palästinensischen Freundschaft

          Acht Jahre oder zehn sind für einen Erwachsenen eine längere Zeitspanne, für ein Kind aber, das acht oder zehn Jahre alt ist, bedeutet es die Zeit schlechthin. Es kann sich nicht an etwas anderes erinnern, es fehlt ihm ein Vorher, mit dem es die Macht der Gegenwart bändigen könnte. So kommt zu all dem Elend, das die langen Bürgerkriege in vielen Teilen der Welt hervorrufen, dies noch hinzu: Für die Kinder des Bürgerkriegs ist Frieden nur ein Wort, vielleicht eine Vorstellung und für viele nichts, woran sie sich erinnern könnten. Normal ist die Gewalt. Was dies für die Kinder bedeuten mag, kann man sich nur schwer ausmalen. Natürlich gibt es auch im Krieg immer den Nicht-Krieg. Und genau diese Feststellung zeigt schon das Leiden einer Kriegskindheit an, in der das immer bedrohte Provisorium und der Verlust die Vorstellung beherrschen. Über die Kinder des Bürgerkriegs und der Verfeindung zwischen Israel und den Palästinensern hat Daniella Carmi ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Und man scheut sich fast zu schreiben, es sei ein Kinderbuch, denn als Erwachsener, der keine Innensicht auf die beiden Gesellschaften hat, liest man diese Geschichte gleichfalls mit Gewinn.

          Die vielen pädagogisch-agitatorischen Kinderbücher, an denen sich allenfalls Erwachsene in ihrer ideologischen Glaubensfestigkeit erfreuen mögen, während die Kinder sich sehr bald langweilen, diese Bücher also tragen auch dazu bei, daß man dem Politischen nicht auch noch bei den Büchern für Kinder viel Platz einräumen möchte. Daniella Carmis Buch ist nun hochpolitisch, aber auf eine Weise, die alles andere als doktrinär wirkt. Ihre Kunst ist es, in der Geschichte von Samir und Jonathan der Phantasie ihrer Leser einen eigenen Raum mit der Freiheit des Ausblicks auf die "Wirklichkeit" zu gewähren wie jede Literatur. Niemand erlebt "die Geschichte" oder "den Krieg", sondern immer nur Geschichten, von sich und anderen, die auch im Krieg sind.

          Um eine solche kleine Geschichte handelt es sich hier, und deshalb kann man sie mit gleichem Recht groß nennen. Sie handelt von einem palästinensischen und einem israelischen Jungen, die sich im Krankenkhaus kennenlernen. Samir, der Palästinenser-Junge von der "Westbank", ist am Knie verletzt und hat das Glück, in einem israelischen Krankenhaus behandelt zu werden. Natürlich empfindet er es nicht als Glück, er fleht vergebens alle Mächte des Himmels an, daß die Absperrung der "Westbank" ihn davor bewahren möge, in das israelische Krankenhaus gebracht zu werden. Schließlich ist er doch da, setzt sich auf sein Bett, und es geht ihm wie jedem, der in eine Gruppe kommt, wo sich alle untereinander schon kennen und eine gewisse Gemeinsamkeit herausgebildet haben. Man mustert sich gegenseitig, wechselt zur Probe Worte und wird nach und nach Bestandteil dieser Gruppe, ohne seine Eigenheit zu verlieren.

          Das trifft natürlich ganz besonders auf Samir zu, dem vieles fremd ist. Vor allem ist ihm der Friede fremd, die Friedlichkeit dieses hellen, sauberen Krankenzimmers, die Freundlichkeit der Feinde. Die Wirklichkeit des Feindes aber löst sich auf in dieser kleinen verschworenen Gemeinschaft des Krankenhauszimmers mit ihren kleinen Abenteuern, in der jedem Kind die Herkunft nicht wie ein Gefängnis ist, sondern wie eine eigene Farbe. Wäre da nicht die Erinnerung Samirs, sein Kriegsgedächtnis, das niemals schläft, weil in ihm Samirs Bruder ruht, der von israelischen Soldaten erschossen wurde.

          Wer das für einen ziemlich unoriginellen literarischen Einfall hält, dem muß man wohl recht geben. Das Leben auf der "Westbank" könnte aber genauso unoriginell sein. Daniella Carmi versteht es indessen, diese mörderische Alltäglichkeit, die wie ein Klischee anmutet, ziemlich unaufdringlich in den Selbstgesprächen Samirs auftauchen zu lassen. Und nun befreunden sich Samir und der träumerische israelische Junge Jonathan - ein großer Experte für Fragen des Weltraums ("weißt du, daß die Milchstraße aussieht wie das Rückgrat der Nacht?") und der Computer. Die beiden erfinden etwas, was sie nicht kennen: Frieden - würden Erwachsene sagen.

          Es ist ein Buch auch für Kinder, die die "Tagesschau" nicht für die spannendste Sendung im Fernsehen halten. Eine Geschichte von zwei Jungen im Krankenhaus, das gibt es überall. Und was man nicht versteht, das lernt man zu begreifen. MICHAEL JEISMANN

          Daniella Carmi: "Samir und Jonathan". A. d. Hebr. v. Anne Birkenhauer. Carl Hanser Verlag, München, Wien 1996. 190 S., geb., 26,- DM. Ab 10 J.

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