https://www.faz.net/-gr3-6qdp5

Rezension: Belletristik : Das pure Leben

  • Aktualisiert am

Erstmals ungekürzt und unzensiert: Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" · Von Jochen Hieber

          6 Min.

          Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" ist auch vierundzwanzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen noch ein aufregendes, gelegentlich aufwühlendes Buch. Von einer "Mischung zwischen Colette und Rubens" schwärmte Walter Lewerenz, der damalige Lektor, bereits nach einem Blick in die frühen Entwürfe von 1964. Man glaubt das gern. Ton und Atmosphäre des Buchs sind vom ersten Satz an unverkennbar und originell - und an der sonderbaren Mischung aus Empfindsamkeit und Leidenschaft, aus gelegentlicher Sentimentalität und fortwährender Dringlichkeit hat sich in den fast zehn Jahren, in denen Brigitte Reimann am Roman arbeitete, nichts geändert.

          Wäre es erlaubt, könnte man sagen, "Franziska Linkerhand" sei in der Tat mit Herzblut geschrieben. Daß das Buch, fast vollendet, schließlich doch ein voluminöses Fragment blieb, ist mit der schweren Krankheit und dem frühen Tod der Autorin - sie starb 1973 im Alter von 39 Jahren - nur unzulänglich erklärt. In Wahrheit gescheitert ist das Romanfinale an dem Land, das es eigentlich besingen, und an dem Staat, dem es eigentlich ein Denkmal setzen wollte: an der DDR.

          "Daß die Geschichte jetzt eine Wendung nimmt, ist sicher", notiert Brigitte Reimann im Oktober 1969 über das Buch und fügt erbost hinzu: "Seit ich weiß nicht wie vielen Seiten steuert es ja schon auf einen bitteren Schluß zu." Ganz unmittelbar beeinflußt, ganz erheblich beschädigt wurde der geplante Gang der Handlung durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei. "Und welche Hoffnungen haben wir auf das Modell ,CSSR' gesetzt!" vermerkt das Tagebuch im August 1968: "Wir sind so erbittert - kein Vertrauen mehr." Ohne das Vertrauen der Autorin darauf, daß sich die Verhältnisse nach und nach auch in der DDR verbesserten, aber mußte die Geschichte ihrer Heldin, der jungen Architektin Franziska Linkerhand, zwangsläufig im Nirgendwo, auf irgendeiner Baustelle des Aufbruchprojektes "Neustadt" versanden. Dies bedeutete freilich auch, daß die schon fertigen Kapitel, daß Hunderte von Seiten den falschen Ton angeschlagen, die falsche Atmosphäre beschworen hatten: Ein trotziges Dennoch hatte sie ausgezeichnet, ein Beharren auf dem sozialistischen Fortschritt trotz aller Rückschläge - und nun war alles vergeblich, alles umsonst.

          Wieder ist es der Lektor Lewerenz, der die Malaise auf den Punkt bringt: "Er sagte", heißt es im Tagebuch vom Juli 1970, "das Buch sei keine Aufgabe mehr für mich, sondern bloß noch moralischer Halt . . . und ich schriebe ohne Gedanken an Veröffentlichung . . . Hat mich schrecklich deprimiert, weil es im wesentlichen stimmt." Verheerender jedenfalls als bei diesem Roman kann man sich den direkten Einfluß der politischen Verhältnisse auf die literarische Arbeit kaum vorstellen. Walter Lewerenz hat nach dem Tod der Autorin das ihm Mögliche geleistet: "Franziska Linkerhand" erschien 1974 als Edition aus dem Nachlaß in beiden Teilen Deutschlands. Was dabei der rein handwerklichen Kontrolle nicht standhielt, blieb ebenso ungedruckt wie die politisch und moralisch bedenklichen Passagen, die sich nicht von ungefähr gerade in den letzten Kapiteln häufen: Sie rührten an jene Tabus der DDR, die der Zensur anheimfallen mußten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Forschung im Unterdruck-Labor: Viren werden in einer Nährlösung zur Vermehrung angeregt.

          Versuche mit dem Coronavirus : Außer Kontrolle

          Forscher haben am Wuhan-Institut mit amerikanischem Geld gefährliche Coronavirus-Experimente vorgenommen. Die „Gain-of-Function-Forschung“ muss dringend in ihre Schranken verwiesen werden. Ein Gastkommentar.
          Seit gut drei Jahren ein Paar: Prinz Philippos und Nina Flohr bei einer Hochzeit im Jahr 2019.

          Royale Hochzeit in Athen : Königssohn heiratet Milliardärstochter

          Prinz Philippos, der jüngste Sohn des letzten Königs der Hellenen, gibt am Samstag Nina Flohr das kirchliche Jawort in Athen. Noch wird gerätselt, wer zu den Gästen zählt. Fehlen wird Philippos’ ver­unglückte Patentante: Prinzessin Diana.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.