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Rezension: Belletristik : Das Manuskript des Heckenschützen

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Juan Goytisolos großer Roman aus dem zerbombten Sarajevo / Von Karl-Markus Gauß

          5 Min.

          Bei Juan Goytisolo gibt es alles nur im Plural. Sein Roman hat etliche Schauplätze und viele Ebenen der Handlung, er kommt nicht mit einem Erzähler aus, sondern bietet deren mindestens sechs auf, die voneinander nicht immer leicht zu unterscheiden sind, und er erprobt durchaus meisterlich ganz verschiedene Textarten: Der bedrückenden Beschreibung eines Attentats folgt ein weitausschwingender Essay über islamische Mystik, in harter Schnittfolge werden die Briefe eines "Kommandanten der internationalen Vermittlungstruppen" in Sarajevo, Bekenntnisgedichte eines unbekannten Irrenhausinsassen im Spanien Francos, Kurzgeschichten eines bosnischen Hispanisten, Traumprotokolle eines Heimatlosen in Paris, politische Traktate und religionsphilosophische Betrachtungen aneinandergefügt.

          Die Radikalität, mit der Goytisolo all dies in einen einzigen, mit innerliterarischen Bezügen und außerliterarischen Verweisen prunkenden Roman zusammenzwingt, ist beachtlich, und die kompositorische Raffinesse, mit der er dabei ans Werk geht, geradezu aberwitzig. Aber eben das macht die Schwäche seines brillanten Romans aus, eine Schwäche, die sich nur mit lauter rühmenden Worten fassen läßt. Hier zeigt sich ein Autor, der ohnehin zur Überinstrumentierung neigt, grimmig entschlossen, jeder Assoziation nachzugeben, nachzugehen und die Struktur des Romans so komplex anzulegen, daß umfangreiche Studien notwendig wären, den inneren Zusammenhang der Teile aufzudecken. Aber dieser Eifer, sich an erzählerischer Virtuosität selbst zu übertreffen, mutet ein wenig befremdlich an. Denn immerhin ist Sarajevo nicht nur ein Symbol, das für menschliche Destruktivität steht, oder ein bloßer Name, der eine europäische Schmach bezeichnet, sondern auch ein ganz realer Ort, der durch konkrete Verbrechen benennbarer Individuen zerstört wurde.

          Nicht, daß Goytisolo das nicht wüßte. Er ist vor sechs Jahren ins belagerte, beschossene Sarajevo gefahren und hat damals mit seinen "Notizen aus Sarajevo" ein genau beobachtetes und verantwortungsvoll recherchiertes Buch vorgelegt, das man wegen seiner Wahrhaftigkeit mit den diversen literarischen Winterreisen, die im Hinterland des Krieges unternommen wurden, gar nicht vergleichen kann. Zudem beklagt Goytisolo nicht nur, daß Sarajevo zerstört wurde, was ja viele tun, sondern er weiß auch, was da zerstört wurde. Für ihn, der die Geschichte Bosniens kennt und um die Vertreibung der arabischen und jüdischen Kultur aus Spanien trauert, war Sarajevo jener heilige Ort, der den vertriebenen Sepharden Aufnahme gewährte und über die Jahrhunderte die Begegnung jüdischer, arabischer und abendländisch-christlicher Kultur ermöglichte. "Diese historische Substanz aus der Welt zu tilgen" war die Absicht der Belagerer von Sarajevo. Noch die Erinnerung an den "Kreuzweg der Kultur und des Wissens" wollten sie zerstören, und der beständige Angriff auf Bibliotheken, Museen, Moscheen, Kirchen und Synagogen sollte den "Memorzid" herbeiführen, die Auslöschung des kollektiven Gedächtnisses.

          Das alles geißelt Goytisolo auch in seinem Roman. Aber er wäre nicht Goytisolo, wenn er nicht zugleich ehrgeizig an der literarischen Verrätselung arbeitete, gefundene und erfundene Manuskripte ins Spiel brächte, die sich dann als Fälschungen, Palimpseste oder Abschriften erweisen, dem "Leser eine Reihe von Fallen stellte, in die dieser unweigerlich tappt", und seinen Roman überhaupt als Labyrinth anlegte. Fortwährend werden neue Ebenen eingezogen, so daß sich der Beginn des Romans als Kurzgeschichte einer später eingeführten Romanfigur herausstellt, die selber schließlich als Erfindung eines anderen Erzählers kenntlich wird, bis sich alles als konspirativer Plan eines intellektuellen Zirkels, des "polyglotten Salons", offenbart, der aber wiederum . . . Jeder "mühsam gefundene Ausweg führt zu einer verschlossenen Tür, die, kaum ist sie erbrochen, auf wieder eine hinausgeht, die nur gewaltsam zu öffnen ist, und so bis zum Schluß". In seiner verzwickten Kunstfertigkeit gefällt sich der Roman so sehr, daß er zu verfehlen droht, wovon er handelt.

          Ein etwa sechzigjähriger Mann bezieht im leeren Hotel, das an der "Allee der Heckenschützen" steht, ein Zimmer und sieht durch das Fenster auf die gegenüberliegende Seite der Stadt, wo die jungen Freaks mit den Zielfernrohren lauern. Unten kriecht eine Frau eine Mauer entlang, den Oberkörper darf sie nicht heben, sonst gerät sie den Helden drüben auf dem Berg ins Visier. Am Ende der Mauer angekommen, wird sie von den Jägern abgeknallt wie ein Stück Wild, denn die Heckenschützen "dürstet es nach einem ganz besonderen Blut: dem von Frauen und Kindern". Der Mann in seinem Zimmer notiert dies alles, was er sieht, und anderntags ist dieser Fremde selber tot. Damit beginnt die Geschichte eines Kriminalfalls, der mit jeder Enthüllung nur immer undurchschaubarer wird und Legenden, Vertuschungen, Lügen unentwirrbar verknotet. Wer war der Fremde? Jedenfalls ist er nicht nur tot, sondern bald darauf auch verschwunden. Wie der herbeigerufene spanische "Kommandant der Vermittlungstruppen" aufdeckt, scheint es sich bei dem verschwundenen Toten um einen Spanier zu handeln, werden doch Manuskripte, Gedichte, Briefe gefunden, die zu einem Spanier namens "J. G." gehören. Der Kommandant ist von dem, was er zu lesen bekommt, heftig angewidert, aber zugleich auch fasziniert, denn die Gedichte sind ein einziger Lobpreis der homosexuellen Liebe. Das rührt in ihm Gefühle und Ängste, bald auch düstere Erinnerungen an die Kindheit in einer frankistischen Garnison in Marokko auf.

          Wie sich zeigen wird, sind die Gedichte dem Toten von rachedurstigen Sarajevoer Intellektuellen, dem "polyglotten Salon", nur unterschoben worden, in Wahrheit stammen sie - ja, von wem eigentlich? Der Kommandant, als Repräsentant der "multinationalen Truppen, dessen Doppelzüngigkeit und Zynismus nur dazu beitragen, daß unser Unglück fortdauert", den Bosniern verhaßt, wird auf die Fährte seines Onkels gesetzt: der war ein Roter, ein Dichter, ein Homosexueller, der ins Irrenhaus gesteckt wurde, und in einem solchen landet der verwirrte Kommandant am Ende auch selbst. Natürlich ist das noch längst nicht die Wahrheit, es kommen noch weitere Täuschungen hinzu, so daß auch diese Verfasserschaft sich als Fiktion erweist. Aber was ist schon Wahrheit, und wer ist der Tote? Vermutlich doch kein Spanier, sondern ein Marokkaner, der just jene unersetzbaren literarischen Zeugnisse der islamischen Mystik unter seinen Aufzeichnungen barg, die der Menschheit für alle Zeiten verloren schienen, seitdem die Bibliothek von Sarajevo von den Belagerern in Brand geschossen wurde. Kein Wunder, daß die Sarajevoer Patrioten, darunter ein einstiger Bibliothekar und jetziger Hoteldiener, sich in den Besitz dieser Materialien setzen mußten . . .

          In einem schon mehr als kühnen Spiel der Irrungen und Verwirrungen knüpft Goytisolo Fäden, die das Sarajevo der neunziger Jahre mit dem Spanien des Bürgerkriegs und den Intellektuellenkreis von heute mit Geheimlehren des siebzehnten Jahrhunderts verbinden. Und mittels eines genial einfachen Tricks gelingt es ihm, den Bürgerkrieg auf dem Balkan, der dem zivilisierten Europa epochenweit entfernt scheint, in den Vorstadt-Revolten zu spiegeln, die das machtgeschützte Paris erschüttern. In einem glänzenden Planspiel führt er vor, wie ein von Flüchtlingen, Drogensüchtigen, Arbeitslosen, afrikanischen Immigranten bewohntes Arrondissement plötzlich zum ethnischen Ghetto wird.

          Die "Masse nicht wiederverwertbaren Mülls, der bald schon in Containern in die dritte Welt exportiert würde", erwacht zu eigenem Selbstbewußtsein, und die Franzosen des Viertels hoffen auf die Interventionstruppen aus dem gutbürgerlichen Teil ihrer Stadt. Statt dessen aber wird das Viertel nur abgeriegelt, und die Metro macht hier eines Tages einfach keinen Halt mehr, während die Situation eskaliert und einzelne Wohnblöcke sich ausländerfrei erklären. Gerade diese Spiegelung eines Bürgerkriegs in den Köpfen und Herzen der zivilisierten Bürger von Paris gelingt Goytisolo wie nebenhin und gerät zugleich beklemmend und erhellend. Der Krieg, der sonst nur im Fernsehen erlebt wird, ist mit einem Mal ganz nah, und die Mechanismen, die dort in den Schluchten des Balkans wirken, sind durchaus tauglich, auch die Metropolen des Westens zu verheeren.

          Was für ein Roman! Gelehrsam und barbarisch, überfrachtet mit historischem Wissen und doch von beschwörender Sinnlichkeit, grandios, zuweilen ärgerlich. Im Bild des Schreckens aber wird die Erinnerung an eine zerstörte Synthese sichtbar, eine eigenartige Utopie, die nur mehr in den Scherben aufleuchtet, die von dem großen Experiment übriggeblieben sind, Judentum, Islam, Christentum und Aufklärung eine europäische Stadt zu geben.

          Juan Goytisolo: "Das Manuskript von Sarajevo". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Thomas Brovot. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 191 S., geb., 36,- DM.

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