https://www.faz.net/-gr3-6qlmv

Rezension: Belletristik : Das Manuskript des Heckenschützen

  • Aktualisiert am

Ein etwa sechzigjähriger Mann bezieht im leeren Hotel, das an der "Allee der Heckenschützen" steht, ein Zimmer und sieht durch das Fenster auf die gegenüberliegende Seite der Stadt, wo die jungen Freaks mit den Zielfernrohren lauern. Unten kriecht eine Frau eine Mauer entlang, den Oberkörper darf sie nicht heben, sonst gerät sie den Helden drüben auf dem Berg ins Visier. Am Ende der Mauer angekommen, wird sie von den Jägern abgeknallt wie ein Stück Wild, denn die Heckenschützen "dürstet es nach einem ganz besonderen Blut: dem von Frauen und Kindern". Der Mann in seinem Zimmer notiert dies alles, was er sieht, und anderntags ist dieser Fremde selber tot. Damit beginnt die Geschichte eines Kriminalfalls, der mit jeder Enthüllung nur immer undurchschaubarer wird und Legenden, Vertuschungen, Lügen unentwirrbar verknotet. Wer war der Fremde? Jedenfalls ist er nicht nur tot, sondern bald darauf auch verschwunden. Wie der herbeigerufene spanische "Kommandant der Vermittlungstruppen" aufdeckt, scheint es sich bei dem verschwundenen Toten um einen Spanier zu handeln, werden doch Manuskripte, Gedichte, Briefe gefunden, die zu einem Spanier namens "J. G." gehören. Der Kommandant ist von dem, was er zu lesen bekommt, heftig angewidert, aber zugleich auch fasziniert, denn die Gedichte sind ein einziger Lobpreis der homosexuellen Liebe. Das rührt in ihm Gefühle und Ängste, bald auch düstere Erinnerungen an die Kindheit in einer frankistischen Garnison in Marokko auf.

Wie sich zeigen wird, sind die Gedichte dem Toten von rachedurstigen Sarajevoer Intellektuellen, dem "polyglotten Salon", nur unterschoben worden, in Wahrheit stammen sie - ja, von wem eigentlich? Der Kommandant, als Repräsentant der "multinationalen Truppen, dessen Doppelzüngigkeit und Zynismus nur dazu beitragen, daß unser Unglück fortdauert", den Bosniern verhaßt, wird auf die Fährte seines Onkels gesetzt: der war ein Roter, ein Dichter, ein Homosexueller, der ins Irrenhaus gesteckt wurde, und in einem solchen landet der verwirrte Kommandant am Ende auch selbst. Natürlich ist das noch längst nicht die Wahrheit, es kommen noch weitere Täuschungen hinzu, so daß auch diese Verfasserschaft sich als Fiktion erweist. Aber was ist schon Wahrheit, und wer ist der Tote? Vermutlich doch kein Spanier, sondern ein Marokkaner, der just jene unersetzbaren literarischen Zeugnisse der islamischen Mystik unter seinen Aufzeichnungen barg, die der Menschheit für alle Zeiten verloren schienen, seitdem die Bibliothek von Sarajevo von den Belagerern in Brand geschossen wurde. Kein Wunder, daß die Sarajevoer Patrioten, darunter ein einstiger Bibliothekar und jetziger Hoteldiener, sich in den Besitz dieser Materialien setzen mußten . . .

In einem schon mehr als kühnen Spiel der Irrungen und Verwirrungen knüpft Goytisolo Fäden, die das Sarajevo der neunziger Jahre mit dem Spanien des Bürgerkriegs und den Intellektuellenkreis von heute mit Geheimlehren des siebzehnten Jahrhunderts verbinden. Und mittels eines genial einfachen Tricks gelingt es ihm, den Bürgerkrieg auf dem Balkan, der dem zivilisierten Europa epochenweit entfernt scheint, in den Vorstadt-Revolten zu spiegeln, die das machtgeschützte Paris erschüttern. In einem glänzenden Planspiel führt er vor, wie ein von Flüchtlingen, Drogensüchtigen, Arbeitslosen, afrikanischen Immigranten bewohntes Arrondissement plötzlich zum ethnischen Ghetto wird.

Die "Masse nicht wiederverwertbaren Mülls, der bald schon in Containern in die dritte Welt exportiert würde", erwacht zu eigenem Selbstbewußtsein, und die Franzosen des Viertels hoffen auf die Interventionstruppen aus dem gutbürgerlichen Teil ihrer Stadt. Statt dessen aber wird das Viertel nur abgeriegelt, und die Metro macht hier eines Tages einfach keinen Halt mehr, während die Situation eskaliert und einzelne Wohnblöcke sich ausländerfrei erklären. Gerade diese Spiegelung eines Bürgerkriegs in den Köpfen und Herzen der zivilisierten Bürger von Paris gelingt Goytisolo wie nebenhin und gerät zugleich beklemmend und erhellend. Der Krieg, der sonst nur im Fernsehen erlebt wird, ist mit einem Mal ganz nah, und die Mechanismen, die dort in den Schluchten des Balkans wirken, sind durchaus tauglich, auch die Metropolen des Westens zu verheeren.

Was für ein Roman! Gelehrsam und barbarisch, überfrachtet mit historischem Wissen und doch von beschwörender Sinnlichkeit, grandios, zuweilen ärgerlich. Im Bild des Schreckens aber wird die Erinnerung an eine zerstörte Synthese sichtbar, eine eigenartige Utopie, die nur mehr in den Scherben aufleuchtet, die von dem großen Experiment übriggeblieben sind, Judentum, Islam, Christentum und Aufklärung eine europäische Stadt zu geben.

Juan Goytisolo: "Das Manuskript von Sarajevo". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Thomas Brovot. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 191 S., geb., 36,- DM.

Weitere Themen

„Solos“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Solos“

„Solos“ läuft bei Amazon Prime Video

Topmeldungen

Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.