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Rezension: Belletristik : Das letzte Gefäß des Zorns

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Im Staub von Kenia: Meja Mwangi kämpft gegen die "achte Plage"

          3 Min.

          Man gab sich feudal, als Tania Blixen noch dort lebte, auch wenn die koloniale Pracht bereits am Bröckeln war. In ihren Erinnerungen an Kenia, an siebzehn Jahre Kaffeeplantage, verschmolzen Bilder der Löwenjagd, stolzer Massai und tapfer dem Schicksal trotzender weißer Siedler zur heroisch-romantischen Melange. In Meja Mwangis Roman "Die achte Plage", der in einer Kleinstadt in einer gottverlassenen Provinz des heutigen Kenia spielt, sind alle Illusionen über die ehemals britische Kolonie zu Staub zerfallen, den der Wind über die ostafrikanischen Ebenen treibt. Auch die unerfüllten Hoffnungen der sogenannten Mau-Mau-Aufstände gegen die Kolonialherren in den fünfziger Jahren mischen sich darunter. Und die Stimmen der Dissidenten und Schriftstellerkollegen Mwangis, die heute gegen die repressive Politik der kenianischen Regierung protestieren, verwehen in seinen Romanen ungehört.

          Der 1948 am Fuße des Mount Kenya geborene Schriftsteller, deutscher Jugendbuchpreisträger des Jahres 1992, ist kein Freund lautstarker Visionen. In seinen Büchern macht er weder den weißen Teufel für die Miseren seines Landes verantwortlich, noch ruft er dazu auf, zu Kenias schwarzen Wurzeln zurückzukehren. Statt dessen hausen seine Helden in einem längst von Coca-Cola, Mobil Oil und BMW eingeholten Afrika, in dem die Kunst des Überlebens inmitten alltäglicher Katastrophen den Rhythmus bestimmt.

          Setzten in Mwangis früheren Romanen Bürgerkrieg, Rassentrennung, Korruption und die Slums von Nairobi den Protagonisten zu, so ist es in der "Achten Plage" die Krankheit Aids, deren Drohung alle ausgesetzt sind. Gut zwei Drittel der weltweit bekannten Fälle der Seuche entfallen auf Schwarzafrika, wo sie ganze Landstriche nahezu entvölkert. In einer solchen Gegend spielt der Roman. "Crossroads lag im Sterben. Jeder alte Dummkopf sah das. Gott hatte über der starrsinnigen Stadt das letzte Gefäß seines Zornes ausgeschüttet. Und das Schlimmste sollte noch kommen."

          Im Zentrum der Geschichte, die mit diesem Satz beginnt, kämpft Janet, resolute Ritterin ohne Furcht und Tadel, um die Rettung der kleinen Stadt. Sie wird allerseits "Kondomfrau" genannt, denn mit nichts als Kartons voller Präservative und Pillenschachteln bewaffnet, auf einem rostigen Drahtesel reitend, tritt sie gegen die Krankheit an. In den Szenen alltäglicher Scharmützel, die Janet mit den Bewohnern des Städtchens austrägt, spielt Mwangi seine Stärke der pointiert witzigen Beobachtung aus. Da ist der nach Janet lüsterne Dorfvorsteher, der ihren Kreuzzug für "nutzlos" hält. Doch steht er da wie ein begossener Pudel, als eines Tages eine internationale, weißgewandete Delegation von Ärzten, wie vom Himmel her, in einem langen weißen Konvoi großer Wagen vorfährt, nur um Janet für ihre Arbeit zu danken. Nicht viel anders ergeht es den restlichen tonangebenden Männern der Gemeinde. Von Janets "deofreiem, moschusartigem Duft" betört und verwirrt, sähen sie gerne das in ihr Intimleben eingreifende Treiben als Teufelszeug verbannt. Doch die vor Angst und Wut röhrenden Böcke scheitern immer wieder. Denn die ihren Träumen entstiegene Femme fatale erweist sich, selbst als sie die Regierungsangestellte vor Gericht zerren können, in spitzen Wortgefechten als gewitzte Jeanne d'Arc, die das Recht auf ihrer Seite weiß.

          Dabei gerät der Roman nur bisweilen in die gefährliche Nähe einer nur Moral predigenden Literatur. Zu kunstvoll theatralisch inszeniert er seine Geschichte, zu vielfältig ist das Personal und, nicht zuletzt, zu offen der Schluß des Romans. Da stirbt Janets Ehemann, der überraschend nach zehn Jahren Abwesenheit im Dorf, reich geworden, aufgetaucht war, um seine brachliegenden Rechte einzuklagen. Stets bewahrt Mwangi zu seinen Figuren einen Abstand, der ihm eine gesunde Mitleidlosigkeit erlaubt.

          Mwangi komponiert die Geschichte dennoch nicht völlig unbeteiligt. Aus der Distanz erschließt sich ihm eine Zukunftsvision seines mit der Seuche kämpfenden Volkes, in der die Kontrahenten der Gegenwart zueinanderfinden. Wie bereits aus seinem letzten Roman "Narben des Himmels" (1992) spricht auch aus der "Achten Plage" die Hoffnung auf die Kraft menschlicher Solidarität. Doch verdankt sich die Hoffnung auf Besserung weniger den Wandlungen der Helden als den Zwangsläufigkeiten geplanter Dramaturgie. Der Erzähler gönnt dem Leser kaum einen Blick in das Innenleben seiner Figuren, so komisch ihm die Skizze manchen Charakters auch gelingen mag, so treffend er einige Konfrontationen beschreibt. In der Ferne seines Ausgucks verwischen dem Beobachter die Helden zu bloßen Typen. Sie ziehen auf vorgeschriebenen Bahnen, oft noch mit sprechenden Namen belegt, wie "Frank", der Ehrliche, oder "Broker", der Geschäftsmann. So führt Mwangi seine Geschichte mit fester Hand, ohne unberechenbaren Gefahren zu begegnen. Wer unterhaltsame literarische Schonkost und das Buch zur gerechten Sache schätzt, kann sich von Mwangi durch das Drunter und Drüber im kenianischen Irgendwo geleiten lassen, das einst, verklärt und parteiisch, Tania Blixen beschwor. HUBERTUS BREUER

          Meja Mwangi: "Die achte Plage". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Koehler. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1997. 448 S., geb., 44,- DM.

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