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Rezension: Belletristik : Das Leben, kein Traum

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Lytton Strachey ziseliert physiognomische Fragmente / Von Ilona Lehnart

          3 Min.

          Über Lytton Strachey (1880 bis 1932) ist zu lesen, er habe ausgiebig mit Virginia Woolf korrespondiert und sei ein exzellenter Kenner der französischen Literatur gewesen. Spröde Worte, wenn es um wirkliche Leidenschaft geht. In Wahrheit muss es eine wunderbare, lebenslange, nie versiegende Liebe gewesen sein: zur französischen Sprache, zum französischen Theater, zur französischen Literatur und Philosophie, kurz: zu allem, was dem die Welt beobachtenden und beschreibenden Generalssohn das unendliche Vergnügen einer zugleich gedankentiefen, charaktervollen und - amüsanten Unterhaltung versprach. Denn Strachey war ebenjener Mann, der die Nuancen des Witzes so fein zu unterscheiden vermochte, dass er über dem verständigen Urteil eines Weltweisen, sei es auch des hoch geschätzten Montesquieu oder der berühmten Enzyklopädisten, niemals die wunderlichen Umstände aus den Augen verlor, unter denen der Geist bisweilen seine erhabensten Gipfel zu erklimmen genötigt ist.

          Diese schwerelose, vielleicht angeborene, vielleicht anerzogene ironische Distanz machte ihn zum heiteren Philanthropen, zum glücklichen Liebenden der Menschheit, der, im festen Vertrauen auf deren unausrottbare Schrullen und Sparren, sogleich hinter jedem verstaubten Folianten, hinter jedem totenstarren Konterfei aus abgelebten Zeiten das schimärische Antlitz eines liebenswerten Ver- oder auch Entrückten aufleuchten sah.

          So wurde Lytton Strachey - wie konnte es anders sein? - zum feinsinnigen Biographen großer Männer und Frauen. Was aber Größe sei, definierte er nach eigenem Belieben. Sie war, lässt man die Reihe seiner Helden Revue passieren, ein komplexes Gemisch, in dem Herzensadel und Eigensucht, Kühnheit und Anmaßung, Ehrgeiz und Wissensdurst in schöner Simultaneität vorkamen, zuweilen ergänzt durch frenetische Frömmigkeit oder - wenn das Schicksal es wollte - auch diabolische Gottlosigkeit.

          Solche Gefallsucht am Exzentrischen muss nicht unbedingt etwas mit pathologischer Lust an menschlichen Verirrungen zu tun haben; gerade für einen denkenden und forschenden Geist vom Schlage Stracheys könnte die Normabweichung, früher als Wahnwitz bezeichnet, interessant gewesen sein. Er, der sich der großen Epoche der Aufklärer so eng verbunden fühlte, schmückt seine biographischen Miniaturen zwar mit den köstlichsten Arabesken aus, die seine ingeniöse Spottlust ihm eingibt, beschreibt jedoch zugleich die körperlichen Absonderlichkeiten seiner Heldinnen und Helden mit so feiner Beobachtungsgabe, dass man ihm die Kenntnis eines Hauptwerks der Zeit unterstellen möchte: "Physiognomik oder Erklärung des moralischen Menschen durch die Kenntnis des psychischen" (1776). Darin setzt der französische Abt Antoine-Joseph Pernety die äußere Erscheinung des Menschen in Beziehung zu ihrer Umwelt und kommt zu der Erkenntnis: "Der Himmelsstrich ist eine der vornehmsten Ursachen von der Verschiedenheit des Charakters und des Geistes."

          Mithin wäre möglich, dass es Strachey in seinen Lebensbeschreibungen berühmter Landsleute nicht ausschließlich um die komische Diskrepanz ging, um das Missverhältnis also von Geist und Körper, obgleich es ihm oft Grund zur Belustigung ist. Zu denken wäre an die respektlosen Notizen über Leben und Werk Sir John Haringtons, eines längst dem Vergessen anheim gefallenen Edelmannes zu Zeiten der ersten Elisabeth, dessen Ruf sich weniger auf die Übersetzung von Ariosts "Orlando furioso" ins Englische gründete als auf die Erfindung des Wasserklosetts. Diesem schnurrigen Helden gilt Stracheys Sympathie in einer Weise, die ihn fortan in der wundervollen Reihe der Ritter von der traurigen Gestalt unsterblich machen wird.

          Schon in der Vita des Sir John blitzt neben dem hellen Aberwitz auch die desillusionierende Nachtseite der menschlichen Natur auf. Strachey, der vielleicht geistreichste und scharfsinnigste Kopf der "Bloomsbury-Group", ziselierte seine physiognomischen Fragmente zu Kunstwerken, die als "biographie romancée" alles weniger als heroisierende Geschichtsschreibung beabsichtigten. Er konnte menschliche Schwächen liebevoll nachzeichnen, er konnte auch bis zur entlarvenden Karikatur gehen. In den bislang verstreuten acht Essays, die der Wagenbach-Verlag nun unter dem Titel "Das Leben, ein Irrtum" zu einem rotleinenen Schatzkästlein zusammengefasst hat, ist freilich der "Himmelsstrich" immer ein schuldiger Dritter. Er ist es, der die Käuze erzeugt, sie eine Zeit lang nährt, am Ende aber unerbittlich fallen lässt.

          Nicht alle, denen Stracheys Interesse oder auch Mitgefühl gilt, sind weltgeschichtliche Zelebritäten. Nehmen wir den herrlichen Propheten Muggleton, Lodowick mit Vornamen, der trotz kleinlicher Verfolgungen zäh und unbeirrbar an dem Glauben festhält, der erwählte Zeuge des Herrn zu sein, ja bei seinem Tod eine beträchtliche Schar trauernder "Muggletonier" zurücklässt. Wie der tapfere Schneider unter Stracheys Feder zum Patriarchen einer wunderhörigen Zeit wird, ist herzerwärmend: "Das war zu Cromwells Zeiten, da lag Holland noch auf dem direkten Weg nach Jerusalem", so beiläufig rückt er die Köpfe der Verzückten nachträglich zurecht.

          Es wäre ein Trugschluss, wollte man annehmen, Stracheys ironischer Umgang mit sechs herausragenden Exzentrikern - darunter Hume, Gibbon und Carlyle - und zwei epochalen Exzentrikerinnen - Lady Hester Stanhope und Sarah Bernhardt - entbehre eines kritischen Potentials. Indem er sich der in früheren, abgelebten Zeiten gescheiterten Existenzen annahm, kritisierte er die gegenwärtigen und jüngst vergangenen. Am bekanntesten sind die Essays "Eminent Victorians" geworden: Lytton Strachey war ein scharfer Kritiker insularen Hochmuts. Allzu oft verbarg sich für ihn hinter der Exzentrik seiner Landsleute nichts weiter als ein verderblicher "Spleen".

          Lytton Strachey: "Das Leben, ein Irrtum". Aus dem Englischen übersetzt von Robin Cackett. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1999. 96 S. , geb., Abb., 22,80 DM.

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