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Rezension: Belletristik : Das Leben, ein Spottstück

  • -Aktualisiert am

Auch Hohn ist eine Form der Ironie: Elfriede Jelineks „Macht nichts“ ist eine kleine Trilogie des österreichischen Todes.

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          "Die Texte sind für das Theater gedacht", schreibt Elfriede Jelinek in ihrer Nachbemerkung zu diesem kleinen Band mit Prosatexten, "aber nicht für eine Theateraufführung. Die Personen führen sich schon selber zur Genüge auf." Es ist diese Sorte dekonstruktiver Kalauer, die den Jelinek'schen Text, sei es Theatermonolog oder Nachbemerkung, seit jeher zum Laufen bringt. Doppelbelegung ist bei ihr der semantische Regelfall, und wer bei "Belegung" zum Beispiel an Fremdenzimmer denkt, hat sich am Geist von Jelineks Produktivität keinesfalls versündigt; er ist ihr ganz nah. "Heute gibt es ja nichts Großes mehr", spricht die berühmte, aber tote Burgschauspielerin, "außer dem Skifahrer, der aufs Ziel zustößt, oder dem Rennfahrer, dem etwas anderes zustößt." An einer anderen Stelle ist folgende Sentenz zu lesen: "Jeder trägt sein Ablaufdatum, weil das Leben ein Abfahrtslauf ist." Das Leben, ein Sportstück? Hinter den Spruchweisheiten zeichnet sich vage eine Landschaft ab, Jelineks österreichische Todeslandschaft mit Wintersportlern, Sommerfrischlern und Burgschauspielern.

          Der Inhalt der drei kleinen Wortanfälle ist schnell erzählt. In "Erlkönigin" wird eine Burgtheater-Doyenne nach alter Sitte dreimal im Sarg um das Burgtheater herumgetragen. "Die Knochen stehen überall heraus. Ab und zu schneidet sie sich ein Stück Fleisch heraus und wirft es ins Publikum." Die Burgschauspielerin deliriert währenddessen über ihr Verhältnis zur Macht; über die Macht, die sie spielend über die Zuschauer ausübt, und über die Machthaber, denen sie sich einstmals bereitwillig andiente.

          Es folgt "Der Tod und das Mädchen", der Dialog zweier überlebensgroßer Wollfiguren, deren eine Schneewittchen darstellt, während die andere einen Jäger mimt. Es geht in diesem metaphysisch-dadaistischen Märchen-Intermezzo um das Gute, Wahre und Schöne unter besonderer Berücksichtigung der weiblichen Kosmetik und Kosmologie. "Was ist das für ein unerkannter Schein, den Sie mir da immer noch ins Gesicht halten? Das Lange und Dünne", fragt Schneewittchen am Ende den Jäger. Es ist ein Schießgewehr, und ein paar Sätze später ist Schneewittchen tot, ohne die sieben Zwerge getroffen zu haben, "auf die es so scharf ist, weil sie selber ziemlich scharf sein sollen". Den letzten Teil der Trilogie bildet "Der Wanderer". Ein alter, geisteskranker Mann, der Vater der Autorin, kann und will nichts mehr als "wandern wandern". Von Ferne winkt Heidegger mit seinem Stock.

          Es sind ja keine brillanten, keine scherzhaften, sondern eher fast schmerzhafte Wortwitze, die Jelinek unterschiedslos ihren Sprechern und sich selbst in die Münder legt. Es scheint fast, als täte sie auf diese Weise Buße für die Gemeinheiten des alltäglichen Sprachgebrauchs. Sie sühnt diese nicht durch Enthaltsamkeit, sondern durch Prostitution. Die Münzen des Sprechverkehrs können ihr gar nicht abgegriffen genug sein. Es kann ja unter dem Regime des Geldes, des Phallus und der "Neuen Kronenzeitung" eine unentfremdete Sprache auch gar nicht geben.

          Früher hätte man Elfriede Jelineks Kunst "ideologiekritisch" genannt. Sie ist es immer noch, auch wenn man dieselben Verfahren schon lange "Diskurskritik" nennt. Zum kritischen Denken gehört der Anspruch auf Erlösung, wenigstens aber auf Aufklärung. Ist Aufklärung durch Begriffe herzustellen, so erlangt man Erlösung allein durch Musik. Indem sich bei Jelinek die Sprache auf dem Niveau ihrer Sprecher selbst aufführt, beginnt sich das banale Sprachmaterial musikalisch zu organisieren.

          Aus "Leid" wird, vermittels eines romantischen Zauberstabes, "Lied". "Wie zum Hohn", schreibt Jelinek, habe sie den Teilen der Trilogie Titel von Schubert-Liedern gegeben: "Erlkönigin" (das weibliche Suffix stammt von ihr), "Der Tod und das Mädchen" und "Der Wanderer". Der Hohn ist eine Form der Ironie, und Schmerz kann seine Quelle sein. Am Ende sind alle Theaterfiguren abgeräumt und es redet nur noch die Autorin. "Ich rede und rede", so wie der Vater wandert und wandert. Sie redet von Tätern und Opfern, sie redet von einem Krieg, den eine Macht führt, "die kein Ziel hat, sondern deren Ziel die Ermächtigung ihrer selbst ist", von der "Aufdringlichkeit der jeweiligen Moderne, die alles nivelliert hat", und wir wissen nicht genau, was wir da hören und wem wir da zuhören, aber auch das macht nichts, weil sich Jelineks beschädigte und beleidigte Sprache ganz wundersam in Musik verwandelt hat.

          Elfriede Jelinek: "Macht nichts. Eine kleine Trilogie des Todes". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1999. 92 S., br., 18,- DM.

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