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Rezension: Belletristik : Das Lächeln beim Durchstöbern der Welt

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Charmanter Erzählreigen im Licht eines milden Spätsommers: "Die Sehnsucht der Schwalbe" von Rafik Schami

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          Sein erstes Lebenszeichen war ein Lächeln. Deshalb wurde der Haupterzähler in Rafik Schamis neuem Roman von seiner Hebamme Lutfi genannt, was soviel heißt wie "meine Freundlichkeit". Und wirklich, Lutfi scheint die ganze Welt anzulächeln, inzwischen seit gut zwanzig Jahren. Nicht daß er ein naiver Dummkopf wäre. Er liebt das Leben und seine vielfarbigen Erzählanlässe. Die Lust daran, die Straßen von Damaskus, die Flohmärkte von Frankfurt, das Leben überhaupt zu durchstöbern durchpocht seine ganze Existenz. Das Dasein an der Seite seiner deutschen Geliebten Molly erscheint ihm gar wie "ein Teil der für mich reservierten Zeit im Paradies. Ich glaube, Gott ist gerecht, deshalb wird er mir die Tage mit Molly im Jenseits abziehen."

          Weniger paradiesisch ergeht es dagegen Lutfis alter Hebamme. Nadine ist schwer krank, und nur Lutfis Medikamentensendungen aus Deutschland halten sie am Leben. Der junge Mann ist ihr zutiefst verpflichtet: In seiner Kindheit und Jugend hat sie ihm immer wieder die Angst genommen, ihn gegen seine Feinde verteidigt und ihm teils pantomimisch, teils ganz handfest, die Kunst der Verführung eingetrichtert. Mit Erfolg. Lutfis erstes Objekt der Begierde, die exzentrische Samira, inszeniert eine Liebestragödie wie aus dem Schnulzenkino und will mit ihm aus Damaskus fliehen.

          Um die Liebe, um das himmlische und vertrackte Verhältnis zwischen Mann und Frau kreist der ganze Roman immer wieder. Eine einwöchige Hochzeitsfeier in der syrischen Provinz bildet die Rahmenhandlung. Lutfi ist einer der zahlreichen Gäste. Angeekelt von der ebenso barbarischen wie freudlosen Völlerei, die eine Mesalliance zwischen einem hübschen Bäckersmädchen und einem grobschlächtigen Geldprotz feiert, zieht er sich zurück und erzählt dem Bruder der Braut Geschichten aus seinem und seiner Vorfahren Leben.

          Und wie er erzählt! Leichtfüßig, humorvoll und mit pointierter Dramaturgie durchzieht er in großen Bögen und kleinen Kapriolen die Vergangenheit und bringt manch seltsames Geschick zu Gehör: von seinen afrikanischen Ahnen, die als Sklaven mächtiger Scheichs nach Syrien kamen und deren Nachkommen bis hin zu Lutfis Mutter noch heute dort leben; von der Freundschaft seines Geige spielenden Vaters mit Duke Ellington, den er nach Damaskus zu Konzerten einlädt; von den krummen Münzgeschäften des siebzehn Jahre alten Lufti in Deutschland; schließlich von dem deutschen Polizisten, der den mit gefälschten Pässen versorgten Lutfi mit instinktiver Sicherheit immer wieder aufspürt und abschiebt.

          Ein Ensemble mal herber, mal zärtlicher Geschichten zwischen Orient und Okzident, zwischen Heute und Gestern. Doch so weit die Zeiten, Orte und Kulturen auseinanderliegen - durch Rafik Schamis charmante Mündlichkeit liegen sie alle in demselben milden Spätsommerlicht. Alles Schreckliche wirkt darin nicht mehr ganz so schrecklich, alles Schöne dagegen noch schöner. Zugleich zeigt der 1946 in Damaskus geborene und seit dreißig Jahren in Deutschland lebende Autor einmal mehr, daß traditionelle orientalische Erzählformen durchaus aktuelle Geschichten über Rassismus hüben wie drüben, über Armut und Chaos in Syrien und über die Lebensverhältnisse von Asylanten und Menschen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, vertragen können. Der Ton wird dabei nie rührselig, und die Figuren, starke Personen allesamt, wahren ihre Würde. Darum kann sich der Erzähler ruhig manche Zuspitzung erlauben, etwa wenn es um die Beschreibung nationaler Eigenschaften geht.

          Insgesamt liest sich "Die Sehnsucht der Schwalbe", als hörte man jemandem zu. Das tut man gerne, man kann nicht genug davon bekommen und folgt dem Erzähler auch dann, wenn er wieder einmal seinen roten Faden aus den Fingern gleiten läßt, um sich für eine Weile in neuen Arabesken zu verlieren.

          CHRISTOPH SCHMITZ.

          Rafik Schami: "Die Sehnsucht der Schwalbe". Carl Hanser Verlag, München 2000. 339 S., geb., 39,80 DM. Für jedes Alter.

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