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Rezension: Belletristik : Das hölzerne Glück

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Christoph Peters' bestechendes Debüt · Von Florian Illies

          5 Min.

          Thomas Walkenbach ist Glücksforscher. Er sagt "Die Erwartung des Glücks ist größer als das Glück". Er behauptet auch: "Im Glücklichsein war ich nie besonders gut. Astrid sagt manchmal, wenn ihr das Leben wieder unbeschreiblich schwer scheint, sie wolle einfach nur glücklich sein, und hält das für einen bescheidenen Anspruch." Doch ganz selten, für Sekunden nur, erfährt auch Walkenbach "Glück der Kategorie, die in der Brust schmerzt". Er ahnt aber, daß es diesen seligen Zustand der völligen Bedürfnisbefriedigung hinieden nie geben kann. Viel länger, für Jahre oft, erfährt er dafür eher Pech der Kategorie, das sich ins Hirn fräst.

          Thomas Walkenbach ist auch Vergangenheitsforscher. Und Kunsthistoriker. Er ist dreiunddreißig, kommt vom Niederrhein. Raucht viel, trinkt viel, vergißt viel. Walkenbach ist der Ich-Erzähler im Romandebüt "Stadt Land Fluß" des gleichfalls dreiunddreißigjährigen Mainzer Autors Christoph Peters. Von der ersten Zeile an schlägt er einen frischen und doch fast klassischen Ton an, der das vielschichtig komponierte Werk souverän zusammenhält. Man kann "Stadt Land Fluß" als Romanze lesen: als Bericht über die Liebe des Thomas Walkenbach zu seiner Zahnärztin Hanna, über ihre Phase des Kennenlernens im Behandlungsstuhl, über die wechselseitigen Besuche bei den Schwiegereltern, über einen Liebesurlaub in Italien bis hin zur Überführung des Rausches in einen scheinbar dauerhaften Aggregatzustand.

          "Stadt Land Fluß" ist auch die Geschichte eines erfolglosen Kunsthistorikers, der sich nicht sicher ist, ob er über die Philosophie der Zentralperspektive promovieren soll oder doch lieber über Henrik Douwermann, den rätselhaften spätgotischen Bildschnitzer seiner niederrheinischen Heimat. Also über die mit den Mitteln der Kunst versuchte Ordnung des Lebens und der Geschichte - oder deren ornamentale Überwucherung. Wenn er sich wieder einmal nicht entscheiden kann, bringt Walkenbach erst einmal den Müll herunter.

          Zugleich ist der Roman aber auch ein ausuferndes Lamento mori: eine vielstimmige Klage über den Untergang der alten dörflichen Strukturen, vorgeführt am Beispiel des Dörfleins Niel am Niederrhein, über das Verschwinden der eingekochten Früchte, kleinkarierten Kittelschürzen und der Hausschlachtung, über scheintote Ehen vor dem Zeitalter ihrer problemlosen Reproduzierbarkeit, über Zitronenlimonade und unbeschwerte Sonntagnachmittage. "Manchmal", so heißt es einmal, "fielen mir Dinge in die Hände, belanglose Dinge, dann stürzte etwas hundert Meter tief in einen Grubenschacht, schlug auf und zerplatzte in tausend Splitter, in denen sich für den Bruchteil einer Sekunde mit schmerzhafter Deutlichkeit eine abgestorbene Empfindung spiegelte."

          Hier, so scheint es, hat jemand eine Sprache für das Erinnern gefunden. Dies ist die vielleicht größte Leistung des Erzählers Christoph Peters. Ihm gelingt es aber nicht nur, die Mechanik der Erinnerung beschreibend ans Licht zu holen, sondern auch stilistisch, quasi mimetisch, die Erinnerungsschübe, Erinnerungslücken, Spurensuche auf der Kleinhirnrinde sprachlich zu erfassen. "Nebenan bei Weyers", so dämmert ihm, als er mit Hanna das erste Mal gemeinsam Kalkar besucht, "hatte ich einmal eine neue Hose bekommen, auch an einem Samstag." Thomas Walkenbach jagt vergangenen Sinneseindrücken nach wie einem davonflatternden Schmetterling, immer auf der Suche nach unbestechlichem Beweismaterial für eine halbwegs gesicherte Rekonstruktion der Vergangenheit, dabei immer allergisch gegen "die Aufschneiderei der Botenstoffe und ihren fatalen Hang zur Mythenbildung, gegen die Leichtgläubigkeit der Synapsen". Er weiß, daß man das teleologische Moment des Glücks und der Liebe nur zu fassen vermag, wenn es in die Erinnerung einzieht. Doch er ist skeptisch genug, zu ahnen, daß es bloß die Vagheit der Erinnerung ist, die Glück vortäuscht. Christoph Peters' Genauigkeit ist der größte Feind von Thomas Walkenbachs Sehnsüchten.

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