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Rezension: Belletristik : Das Herz, ein nachtschwarzer Grund

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Alberto Manguel sucht Schuld und Sühne · Von Max Grosse

          4 Min.

          Fast könnte man meinen, es handele sich um einen Krimi. Zumindest finden sich in Alberto Manguels Debütroman "Im siebten Kreis", der 1991 in Toronto auf englisch erschien und jetzt auch auf deutsch vorliegt, gleich mehrere gattungstypische Ingredienzien: Gewalttaten und Aufklärungsversuche; Opfer, Täter, Verdächtige und spurlos Verschwundene: teils exotische, teils mondäne Schauplätze auf drei Kontinenten und ein täppischer Polizeibeamter, der von den wahren Ursachen der Vorgänge nichts begreift.

          Der aufdringliche Monsieur Clive arbeitet der Sûreté von Quebec zu und soll in Percé, einem Ferienort am Atlantik, wohin es die betuchteren Quebecer zur Sommerfrische zieht, ein Attentat vereiteln, das dennoch stattfindet und ein Menschenleben kostet. Doch gleich nach der Tat, also nach dem ersten Drittel des Textes, tritt mit dem Ermittler auch der Kriminalroman von der Bildfläche ab, denn für den Leser kann mit der Bombenexplosion der Fall als gelöst gelten. Schließlich kennt man die Täter, das Opfer und ihr Motiv: Man weiß darüber hinaus, daß durch die Wucht der Detonation zwar der feisten Marianne Berence das Gesicht zerstört, aber das eigentliche Ziel, ihr Mann Antoine, verfehlt wurde.

          Seine Beweggründe sind das Rätsel, das doch unlösbar bleiben muß bis zum Schluß, sein Herz ist der nachtschwarze Abgrund, in den erst Mariannes Ich-Erzählung aus der Rückblende, dann sein eigener Monolog einzelne Einblicke gestatten. Vor den Ungeheuerlichkeiten, die dabei zum Vorschein kommen, verblaßt die Bombenlegerei vollends zur Nebensache. Schon zu Beginn des Romans spannt sich ein Netz von Todesahnungen aus: Auf ihrem Morgenspaziergang bekommt die zehnjährige Ana Berence von Monsieur Clive einen sterbenden Wildkirschbaum gezeigt, dann erscheint ihr ein Farbtropfen auf einem Schild am Strand als Blut und der Sand als zermahlenes Gebein, bis sie schließlich miterleben muß, wie ein Nachbarsjunge im Meer ertrinkt.

          Die bedrückenden Reaktionen auf diesen Unglücksfall verschaffen dem Kind keine Erleichterung: Das argentinische Dienstmädchen Rebecca fühlt sich an die Ermordung ihrer gesamten Familie durch die Polizei von Buenos Aires erinnert, die unförmige, verhaltensgestörte Mutter Marianne hat sich völlig im Gefängnis ihrer Sprachlosigkeit eingeschlossen; der stümperhafte Monsieur Clive, der im Hause Berence zu Gast ist, macht sich wichtig, und auch der illusionslose Antoine Berence ist außerstande, seine Tochter zu trösten: "Er hatte immer genau gewußt, wie es um diese müde Welt bestellt war. Aber das mußte sie nicht hören." Der distanzierte Melancholiker führt als pensionierter Offizier der französischen Armee ein kontemplatives Leben in seiner Bibliothek und erkennt sich auf Dürers Kupferstich als Ritter zwischen Tod und Teufel wieder. Zwar betrachtet er seine Mitmenschen mit der Abgeklärtheit eines Insektenforschers, genießt aber als treusorgender Ehemann und als liebevoller Vater die allgemeine Anerkennung.

          Die Kluft zwischen diesem Abziehbild von "family values" und dem, was dahinter lauert, wird dem Leser durch eine bei allem Zynismus bittere Reflexion bedeutet: "Da sind wir nun, dachte Berence, um die Gemeindemitglieder zu erfreuen, eine der Grundfesten der Zivilisation. Die Familie auf dem Weg zur Kirche. Ein Kitschgemälde. Man müßte uns golden einrahmen." Passenderweise predigt der Pater über Sünde und Vergebung. Durch das Bombenattentat der mit Rebecca befreundeten argentinischen Guerrilleros werden die schlimmsten Befürchtungen des Lesers zu der Gewißheit, daß der "Ausbilder für Foltermethoden", dem die Rache gilt, mitnichten der harmlose amerikanische Geschäftsmann Bill Bernstein ist, wie Clive vermutet, sondern niemand anderes als der grundsympathische Antoine Berence selbst. Mit Ana zusammen bricht dieser im Auto nach Quebec auf.

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