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Rezension: Belletristik : Das gütige Ohr der Welt

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Kaleidoskopernikanisch: Peter Gans "Gesammelte Werke"

          4 Min.

          Der Dichter muß nicht immer das erste Wort haben. Peter Gan jedenfalls hat sich entschieden dazu bekannt, "daß ich von Anfang an nichts anderes zu spielen willens war als nur die zweite Geige. Es schmeichelte mir, die erhabenen Einfälle aus der ersten Hand des Konzertmeisters in versteckterer Tonlage wiederholen und ein wenig abwandeln zu dürfen." Dichten scheint demnach nichts anderes sein zu wollen als ein Weiterdichten, doch gerade "Epigonenlieder - die brauchen feine Ohren". Peter Gan verdient die allerfeinsten.

          Als der Autor im Jahre 1935 mit dem Lyrikband "Die Windrose" und einem Prosaband über "Gott und die Welt" debütierte, war sein Ton schon nach einer unverkennbaren inneren Stimmgabel justiert: Der Atem, der die rühmenden "Preislieder" trägt, ist derselbe, der in der "Epistel an einen befreundeten Seidenkaufmann" zur Vergnügungsreise nach Marokko lädt; Hymnen und Leichtsinniges gewichten in diesen frühen Büchern einander in schwebender Balance. Es mußten dann allerdings viele Jahre vergehen, ehe Gan "Die Holunderflöte" (1949) publizieren konnte. Kein geringes Wunder liegt darin, daß er mit der untergegangenen Welt nicht auch seinen hellen Ton verlor.

          Der 1894 als Richard Moering geborene Sohn eines Hamburger Anwalts verbrachte 1913 ein Studienjahr in Oxford, ehe er als Kavallerist am Ersten Weltkrieg teilnahm. Das Jurastudium schloß er mit einer rechtsphilosophischen Dissertation ab, worauf weitere philosophische und romanistische Studien bei Ernst Robert Curtius folgten. Im Jahre 1938 mußte der nunmehr in Berlin lebende Schriftsteller vor der Gestapo nach Frankreich fliehen, über das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen entkam er 1942 nach Spanien. Eine Hilfsstelle der Quäker ermöglichte Gan das Überleben in Madrid, von wo aus er 1946 nach Paris und ab 1958 auch nach Hamburg zurückkehrte. Bis zu seinem Tod im Jahre 1974 erschienen fünf weitere Lyrikbände, die der Dichter zusammen mit den vorangegangenen als ein einziges Buch ansah: "homo unius libri" nannte er sich mit selbstbewußter Koketterie. Friedhelm Kemp hat das Gesamtwerk nun nach langen Vorarbeiten in drei Bänden ediert und mit einem souveränen Kommentar versehen, so daß erstmals auch Spätgeborene nach Ursprung, Rang und Wert von Peter Gans Dichtung fragen können.

          Seine bürgerliche Existenz bestritt Richard Moering mit Lektorat und Kunsthandel, vor allem aber als Übersetzer: Camus' "Hochzeit des Lichts", Burtons "Schwermut der Liebe" und Melvilles "Billy Budd" dürften die meisten Leser gefunden haben. Zu Mallarmé liegen lediglich seiner Kritiken fremder und Proben eigener Übersetzungen vor, die erkennen lassen, daß man es sich mit Peter Gan nicht zu leicht machen darf. Die größte Versuchung besteht darin, in ihm nur den "Wortgaukler" zu hören. Gan trägt zu diesem Mißverständnis selbst nicht wenig bei, vor allem durch seine Lust an Wortneubildungen, von "kaleidoskopernikanisch" bis "Echos Wiederwiderhall". Manches wirkt verschroben und ephemer. Doch hinter diesem leichten Schein lauert der gar nicht kleine Dichter wie im "Chinesischen Tuschblatt" die gar nicht kleine Katze:

          Schwarz auf schwarzem Stamm der schlanke Panther atmet unbewegt,

          bis, ein Blitz, die jähe Pranke

          den bequemen Karpfen schlägt.

          Doch er schlummert, alle schlafen -

          auch der greise, moosergraut,

          Karpfen unter all den braven

          blassen Spiegelwolkenschafen,

          seidenhimmelüberblaut.

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