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Rezension: Belletristik : Das Grauen als Wille und Vorstellung

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Manchmal reicht ein Schmetterlingsschatten: Joseph Conrads "Lord Jim" in neuer Übersetzung / Von Eberhard Rathgeb

          8 Min.

          Kurtz hieß das moralische Tief, das sich am Anfang dieses Jahrhunderts über die europäische Zivilisation schob. Beobachter der seelischen Großwetterlage sahen später darin eine Voraussage auf die Abgründe des zwanzigsten Jahrhunderts. Joseph Conrad hatte mit seiner Erzählung "Herz der Finsternis" (1899) das Grauen als Kehrseite zivilisatorischen Fortschritts beschworen; die Zukunft wollte er nicht vorhersagen. Daß sich seine Figur Kurtz als Prototyp der rasenden Unmenschlichkeit emanzipierte und den Regisseur Coppola zu seinem Helden in "Apocalypse Now" inspirierte, verdankt sie der Intensität ihrer künstlerischen Darbietung. Archetypisch geronnen, konnte Conrads Erzählung auch Deutern dienen, die dem mythischen Potential in einer geschichtsversessenen Gegenwart zu seinem Recht wieder verhelfen wollten. Kurtz wies nach vorne ins Schlimmste hinein und sprach mit mächtiger, einnehmender Stimme in vorderster Reihe einer Dämonenfront.

          Das Unheil, das Leopold II., König von Belgien, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts über die Menschen des Kongo brachte, erschütterte Joseph Conrad, der sich mit eigenen Augen vom Entsetzlichen überzeugen mußte, in seinen Grundfesten. "Herz der Finsternis" kann als der Versuch gelesen werden, den Fluch der Wirklichkeit zu bannen. Das Heer der Toten und Verstümmelten, das der westliche Fortschritt vor sich hertrieb, war so real, daß es einer Figur wie Kurtz bedurfte, um eine Grenze zwischen dem Unsäglichen und dem Verträglichen zu ziehen und den Schaden, den die Seele im Herzen der Finsternis nehmen konnte, ja mußte, überhaupt erzählbar zu machen. Joseph Conrad hat das Unvorstellbare, das Wirklichkeit war, in die Vorstellung gezwungen, die sich um den Menschen wie ein Schutzschild legt, ihn von anderen abkapselt und zum Ungeheuer machen kann. Kurtz ist das Grauen als Wille und Vorstellung, und er bleibt damit innerhalb menschlicher, psychologischer Dimensionen.

          Der Roman "Lord Jim" wurde im Wechsel der Jahre 1899 und 1900 abgeschlossen. Im Nachwort der nun vorliegenden Neuübersetzung durch Klaus Hoffer wird ein Brief Jospeh Conrads zitiert, in dem der Schriftsteller einräumt, "Material aus dem Fundus meines eigenen Lebens" heranzuziehen, "um es zu künstlerischen Zwecken neu zu arrangieren, zusammenzusetzen und einzufärben". Er meine aber, daß daran nichts "verwerflich" wäre. "Immerhin bin ich ein Erzähler, und nicht das, was tatsächlich passiert ist, sondern die Art der Präsentation macht den literarischen, ja sogar den moralischen Wert meiner Arbeit aus."

          Der Zusatz ist wichtig, der "moralische Wert" und die Beziehung, die zwischen diesem und dem literarischen hergestellt wird. Conrad war ein skrupulöser Schriftsteller, der sich nicht auf blinden Anhieb hin alle Worte zutraute, sondern vielfach verbesserte, änderte und dem Eindruck auf die Vorstellung seine ganze erzählerische Ausdruckskraft widmete. Die Imagination zu erreichen, der Wirklichkeit ihr imaginatives Potential zu entreißen und es als moralische Anschauung, also erzählt, zurückzugeben, machte ihm die Arbeit an seinen Geschichten so mühevoll. Rückblickend ist das Band der Erzählungen scheinbar mühelos geflochten, und auch in seinem Roman "Lord Jim" schlägt die Kunstfertigkeit in eine Anschaulichkeit um, die den Eindruck weckt, man treibe auf dem Fluß der Geschichte mühelos dahin.

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