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Rezension: Belletristik : Das Gift der Meßbubengesichter

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Dieses Buch ist für zwei Sorten von Menschen unentbehrlich. Erstens für die, die auch heute noch nicht wissen, was die neue Frankfurter Schule ist. Und zweitens für die, die schon längst Freundschaft geschlossen haben mit diesen Hochkomikern.

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          Dieses Buch ist für zwei Sorten von Menschen unentbehrlich. Erstens für die, die auch heute noch nicht wissen, was die neue Frankfurter Schule ist. Sie, die sich bisher ehrenvoll nur um ernste Dinge gekümmert haben, erfahren auf amüsante Art, was ihnen bisher gefehlt hat: ein ironischer, ein distanzierter, ein heiterer Blick auf ihre Welt. Und zweitens brauchen alle diejenigen dieses Buch, die schon längst Freundschaft geschlossen haben mit diesen Hochkomikern. Denn sie erfahren hier endlich einmal etwas von dem Zusammenhang, in dem ihre Weisheitslehrer gearbeitet haben und noch weiter schreiben. Dieses Buch ist also für alle unentbehrlich, ein wahres Volksbuch, wenn man so noch sagen dürfte. Der Verfasser stammt zwar aus Heilbronn, aber er versteht trotzdem etwas von der Sache. Er war einige Jahre Chefredakteur der deutschen Satirezeitschrift Titanic, in der es von Dichterfürsten und Klasse-Malern nur so wimmelt. Und schreiben kann er außerdem. Er hat uns ein Buch auf den Tisch gelegt, das so vergnüglich wie belehrend ist. Man kommt von dem Ding kaum los.

          Zunächst bleibt der künftige Leser an den Bildern hängen. Sie sind eine wahre Freude, ohne daß daraus ein Pracht-Bildband entstanden wäre, wie reiche Menschen ihn zu Weihnachten bekommen. Nein, das ist ein schlankes, leichtes Panoptikum unserer heiteren Poeten und Denker. Jetzt sehen wir endlich einmal, wie Eckhard Henscheid als pummeliges Baby aussah und was Robert Gernhardt 1947 noch für ein liebes Kerlchen war. Ach, allerliebst waren sie, harmlos und zutraulich. Das Gift, das diese Meßbubengesichter später manchmal abgesondert haben, es kann nicht von ihnen stammen.

          "Wir gerieten da so rein", schreibt Gernhardt, der eigentlich Lehrer werden wollte und zum Kunsterzieher der Nation aufstieg. Es ist ihnen angetan worden, ihnen wie uns allen. Sie haben es nur umgesetzt in Wort und Bild. So wurden sie die ruchlosen Gesellen, die Helmut Kohl zum ersten Mal als "Birne" zeichneten und benannten und nicht einmal vor Gerhard Schröder und Joschka Fischer Respekt zeigen. Der Mief und Muff der Adenauerzeit hat sie zur Rebellion getrieben. Denn so alt sind sie schon, und das Buch von Oliver Maria Schmitt begeht als Jubiläumsband den vierzigsten Jahrestag der Bande.

          Die erste Frankfurter Schule ist längst in den Orkus der Geschichte hinabgefahren; jetzt folgt ihr die zweite, keineswegs klanglos. Ihre Historisierung und Musealisierung ist im vollen Gange. Oliver Maria Schmitt legt sie soeben in seinen zierlichen Glassarg. Mit Geschmack und Witz blickt er zurück, mit ein wenig Philologie und mit der Wiedergabe von vielen Zeichnungen. Apropos Zeichnungen: Schmitt zeigt uns eine Adenauer-Karikatur von Friedrich Karl Waechter aus dem Jahr 1961, mit leichten Strichen eine ungeheure, eine unheimlich wahre Deformation. Der reale Adenauer wollte so sein wie dieses Bild, erreichte es nur nicht ganz. Kohl wurde ja auch erst später so richtig zu der "Birne", deren hoffnungsfrohes Anfangsstadium die neuen Frankfurter früh ausgeprägt hatten. Von F. W. Bernstein gibt es ein kleines tierisches Monster zu sehen, einen Hundekopf mit Schweinsrüssel. Zwischen breitgespreizten Löwenpranken steht zu lesen:

          ICH BIN

          EIN GANZ MISSLUNGENES TIER,

          SOVIEL VON MIR.

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