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Rezension: Belletristik : Das Frettchen-Syndrom

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Binnie Kirshenbaum beschreibt die Karriere einer Ehebrecherin

          Welchen Einfluß hat angeborene Linkshändigkeit auf das Sexualleben, wie vertragen sich Vegetarismus und Fleischeslust, und was zeichnet den idealen Gatten einer Herumtreiberin aus? Binnie Kirshenbaums "Kurzer Abriß meiner Karriere als Ehebrecherin" beantwortet diese Fragen ohne Umschweife und bringt fast alles zur Sprache, was Männer schon immer über weibliche Polygamie wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten. Eine junge New Yorkerin erzählt von ihrem erotischen Werdegang und ihren amourösen Simultan-Affären, entwaffnend offenherzig, umwerfend drastisch. Weil ihr schwierigster Liebhaber beiläufig ein Faible für verheiratete Frauen bekundete, hat sie sich einen Ehemann zugelegt, den Kreuzworträtsel und Käsesorten mehr interessieren als das Kommen und Gehen seiner Angetrauten. Nur so kann die Sache funktionieren, denn: "Ehebruch ist nahezu unmöglich, wenn der Mann wie ein Frettchen ständig neugierig hinter einem herschnüffelt."

          Lebensweisheiten dieses Kalibers, bei jeder Gelegenheit eingestreut, lassen auf abgebrühte Naivität schließen, eine Eigenschaft, der die Männer verfallen wie Motten dem Licht. Da ist der italoamerikanische Geschichtsprofessor mit dem Spitznamen "Killer": An ihm schätzt die Heldin die mafiose Eleganz und die Vorliebe für gewisse Ausschweifungen, doch er begeht den verhängnisvollen Fehler, ihr zu nahe zu rücken und sich ansatzweise wie ein Frettchen zu gebärden. Die Leidenschaftslosigkeit eines geizigen, unsensiblen Multimediakünstlers könnte ihr schon gefährlicher werden, aber der Phlegmatiker stirbt rechtzeitig an Herzversagen. Und dann gibt es noch den "Mann meines Lebens", einen pensionsreifen Filmkritiker, der ihren Verführungsversuchen konsequent widersteht und gerade deshalb ihrer dauerhaften Zuneigung sicher sein kann.

          Was sich auf den ersten Blick ausnimmt wie die fröhlich-vulgäre Lebensbeichte einer freiheitsdurstigen Frau, hat allerdings einen doppelten Boden. Die gewissenlose Unschuld und der lakonische Witz der Ich-Erzählerin sind nur die locker aufgetragene Camouflage ihrer Melancholie; hinter ihrer nymphomanen Genußsucht lauert "der Schmerz, der nagende Hunger", der durch noch so viele Eroberungen nicht zu besänftigen ist. Während sie dem Anschein nach immer nur das eine im Kopf hat, wird sie im Grunde ihres verblüffend reinen Herzens von anderen Dingen umgetrieben: von der Suche nach ihren jüdischen Wurzeln, von Fragen, die um Schuld und Vergebung kreisen, von einer unstillbaren Sehnsucht nach Heimat.

          In 45 Kapiteln, die sich zum Teil wie abgeschlossene Kurz- und Kürzestgeschichten lesen lassen, spielt Binnie Kirshenbaum souverän mit diesem traurig-komischen Kontrast. Die Übersetzung verdient großes Lob, aber der deutsche Titel führt forsch in die Irre. Im Original heißt der bemerkenswerte kleine Roman "A Disturbance in One Place". Das bezieht sich auf ein Dostojewskij-Zitat, das ihm als Motto vorangestellt ist - "eine Erschütterung an einem Ort verspürt man noch am anderen Ende der Welt" -, und deutet jedenfalls an, daß es sich hier nicht bloß um eine Frauen-Spaß-Geschichte handelt, so groß der Bedarf an derartigen Produkten zur Zeit auch sein mag. KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Binnie Kirshenbaum: "Kurzer Abriß meiner Karriere als Ehebrecherin". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Ostrop. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1996. 221 Seiten, br., 12,90 DM.

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