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Rezension: Belletristik : Das falsche Straßenkind

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Nach dem Terrorangriff auf eine Diskothek in Jerusalem am 1. Juni sind viele israelische Jugendliche wochenlang nicht mehr ausgegangen. Inzwischen tanzen sie abends wieder, wohl wissend, daß sie jederzeit von einer Bombe getötet werden können. Aber sie versuchen das zu verdrängen - "sonst ist es doch auch kein Leben", sagte eine Sechzehnjährige in einem Interview.

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          Nach dem Terrorangriff auf eine Diskothek in Jerusalem am 1. Juni sind viele israelische Jugendliche wochenlang nicht mehr ausgegangen. Inzwischen tanzen sie abends wieder, wohl wissend, daß sie jederzeit von einer Bombe getötet werden können. Aber sie versuchen das zu verdrängen - "sonst ist es doch auch kein Leben", sagte eine Sechzehnjährige in einem Interview. Einer, der sich immer wieder als Vermittler zwischen Israelis und Palästinensern zu Wort meldet und gleichzeitig den israelischen Alltag jenseits von religiösem Fanatismus und Terror sehr lebendig beschreiben kann, ist David Grossman. Sein jüngster Jugendroman, den er vor der neuen Gewalteskalation geschrieben hat, erzählt von Pizzaverkäufern, Straßenmusikern, Drogensüchtigen, unglücklich Verliebten und Schülern mit Pickelsorgen. Von einem ganz normalen Leben also.

          Der sechzehnjährige Assaf muß im Rahmen eines Ferienjobs den Eigentümer einer entlaufenen Hündin finden. Sie zerrt den Jungen quer durch Jerusalem und bringt ihn zu seltsamen Menschen, die alle etwas mit dem Tier zu tun haben scheinen. Da ist etwa die alte griechische Nonne, die seit ihrer Ankunft noch nie einen Schritt aus dem Klosterhof gesetzt hat. Von ihr erfährt Assaf, daß die Hündin einem geheimnisvollen Mädchen namens Tamar gehört. Sie soll wunderschön, talentiert und beliebt sein. Nun ist sie verschwunden. Und ihre Hündin ist der Polizei bekannt - in Zusammenhang mit Drogendelikten.

          Die Geschichte wechselt nun zu Tamar, die sich zum Straßenkind stylt und auf den Plätzen Jerusalems Lieder zum Besten gibt. Etliche Male noch wird die Erzählperspektive zwischen Assaf und Tamar wechseln. Der Leser ahnt, die beiden könnten ganz gut zusammenpassen. Was Assaf nach und nach herausbekommt: Tamar hat sich in einen Straßenkinder-Drogenring hineingeschmuggelt, eine brutale Organisation, die unter dem Deckmantel der Betreuung junge Musikertalente ausnutzt und in Abhängigkeit hält. Hier ist Tamars Bruder gelandet: hochbegabt, drogensüchtig und ohne jede Hoffnung. Daß Tamar sich und ihn mit ihrem Rettungsplan in größte Gefahr bringt, ahnt Assaf, dem es längst nicht mehr nur darum geht, die Hündin zurückzubringen. Im Hin und Her zwischen den beiden Jugendlichen entwickelt sich der spannendste Teil des Romans - Tamars Rettungsaktion, der Drogenentzug des Bruders, die Rache der Dealer, Assafs immer entschlosseneres Eingreifen, das romantische, glückliche Ende.

          David Grossman ist erneut ein wunderbarer Jugendroman gelungen. Seine besondere Stärke sind die Gefühlswelten. Hoffnung, Trauer, Ekel, Wut und Liebe - Grossman scheut nichts. Das kann er sich leisten, denn er schreibt zwar konventionell, aber ehrlich. Vielleicht ist Tamar etwas zu edel geraten. Den schüchternen Assaf jedoch wird kein Leser vergessen - wenn er bis zum Ende durchgehalten hat. Denn in dem dickleibigen Werk sind eine Menge Sätze, die einen Schlenker zuviel haben. In ihnen paart sich Unwichtiges mit Kompliziertheit. Das kann dazu führen, daß die Leser die Sätze irgendwann nur noch schnell nach Neuigkeiten abchecken. Bei einem Autor, der so viel über den Alltag in Israel zu erzählen hat, ist das ein Jammer.

          JÜRGEN STAHLBERG

          David Grossman: "Wohin du mich führst". Aus dem Hebräischen von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling. Hanser Verlag, München 2001. 438 S., geb., 39,80 DM. Ab 14 J.

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