https://www.faz.net/-gr3-venv

Rezension: Belletristik : Das Dunkel im Köpfchen

  • Aktualisiert am

Sehr mysteriös: Ein früher Martin Amis / Von Gerhard Schulz

          Was in den Regalen angelsächsischer Buchläden als "Mysteries" deklariert wird, sind gemeinhin Kriminalromane. Martin Amis' "mystery story" "Die Anderen" jongliert mit dem Wort, denn das Buch ist beides: die Geschichte eines Verbrechens und zugleich eine höchst mysteriöse Geschichte, an deren Ende man keineswegs mit einiger Sicherheit erfährt, wer denn nun was tatsächlich verbrochen hat.

          Martin Amis ist, wie man weiß, der Sohn eines berühmten Vaters. Dergleichen ist stets eine Last. Der "Lucky Jim" des Vaters Kingsley Amis ist ein Klassiker des englischen Universitätsromans geworden, ein Meisterstück britischer Erzählkunst. Ihre Sphäre freilich bleibt hauptsächlich die des englischen Bürgertums und ihr Stil jenem Realismus verpflichtet, der seine Geschichte auf die großen Romane des achtzehnten Jahrhunderts zurückführen kann. Aus dieser Tradition auszubrechen, ohne sie zu verlassen: das ist das paradoxe Kunststück, das Martin Amis seit seinem ersten Roman, den "Rachel Papers" von 1973, auszuüben versucht hat. "Die Anderen" ist das vierte seiner Bücher, mit denen er sich vom Ruhm seines Vaters löste und zu eigenem Ruhm aufstieg.

          In seinen Romanen vollzieht Amis zunächst einen Personalwechsel. Seine Spielfiguren - von "Helden" spricht man da wohl lieber nicht - sind Kriminelle, Dirnen, Zuhälter, Unterwelt also und Halbwelt, aber oft auch bloß die kleinen Leute schlechthin sowie Randfiguren der Gesellschaft. Beigesellt werden ihnen diese oder jene Exemplare aus der intellektuellen Szene und der Wirtschaft, erfolglose Schriftsteller zum Beispiel oder vulgäre Fernsehproduzenten. Aber nicht allein dieses Personal samt seinen banalen, tückischen, schweinischen Interessen macht das Besondere dieser Bücher aus, sondern ebenso die Art und Weise, wie es präsentiert wird, nämlich Amis' Sprache, die gleichfalls als provokante Ablösung tradierter Schreibgewohnheiten gedacht ist.

          Die Kritik am Gelingen dieses Verfahrens ist seit den Anfängen dieses Autors nicht verstummt. Er sei ehrgeizig, heißt es immer wieder, wolle originell um jeden Preis sein, schmücke seinen Stil mit gesuchten Metaphern und einem ausgefallenen Wortschatz, der mehr dem Herumblättern im Thesaurus verdanke als der Fähigkeit zu präzisem Ausdruck. Sein Satzbau sei gequält, die Handlung konstruiert und die Thematik - also diese Geschichten von Sex ohne Liebe und Geld ohne Kultur - im Grunde ebenso forciert wie billig. Daran ist manches Wahre, wie das zuletzt sein Roman "Information" erwies: flauer Witz und eine papierene Sprache. Die deutsche Übersetzung (F.A.Z. vom 19. März) hat da manches freundlich glättend zugedeckt.

          Auch "Die Anderen" eignen sich gut zur Illustration besagter Untugenden, und die Frage, warum sich der Verlag ausgerechnet dieses Buch für die deutschen Leser ausgesucht hat, dürfte für manche schon eine "mysteriöse Geschichte" in sich selbst sein. Denn von allen Romanen Amis' ist dieser wohl am stärksten bei der Kritik durchgefallen, und es ist auch nach sechzehn Jahren nicht leicht, ihm spotanes Lesevergnügen abzugewinnen.

          Erzählt wird das Mysterium der Amy Hide, die Opfer eines Verbrechens geworden ist, das sie nicht nur körperlich verletzt, sondern auch ihres Gedächtnisses und damit ihres Namens beraubt hat. Inspiriert von einem englischen Kinderlied, das sie gerade hört, nennt sie sich deshalb Mary Lamb und gerät nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in typische Amis-Szenen, zu Hausbesetzern, zu den Gangstern Jock und Trev, zu Sharon, der Nymphomanin, zu Mister und Misses Botham und dem homosexuellen Gavin, zu Alan und Russ im italienischen Restaurant und in ein Heim für gefallene Mädchen mit Trudy und Honey, einer fröhlichen Schwedin, die ihre Englischkenntnisse durch die ununterbrochene Lektüre von Pornographie aufbessert.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Was der Kanzlerbub wollte

          Chronik der Regierung Kurz : Was der Kanzlerbub wollte

          In ihrem Roman „Flammenwand“ verquickt Marlene Streeruwitz österreichische Politik und das Liebesleid ihrer Protagonistin Adele. Das Buch ist zugleich Chronik der türkis-blauen Regierung unter Sebastian Kurz.

          Topmeldungen

          Finanzminister Scholz will den Soli zurückschrauben. Aber nicht für Sparer.

          Trotz Reform : Viele Sparer müssen weiter Soli zahlen

          Für die meisten Bundesbürger soll der Solidaritätszuschlag ab 2021 entfallen, sagt Finanzminister Scholz. Was er verschweigt: Für den Großteil der Sparer und Anleger gilt das nicht – und das sind nicht nur Großverdiener.
          Der Zusammenschluss von Car 2 Go und Drive Now ist ganz offensichtlich ein Eingeständnis des Scheiterns.

          Auch Mazda steigt aus : Carsharing fährt gegen die Wand

          Es soll eine Lösung für urbane Mobilität sein: Doch Carsharing rechnet sich nicht. Und nicht nur das: Die Autos kämen oft auch verdreckt oder beschädigt zurück, klagen die Anbieter. Jetzt gibt auch Mazda auf.

          Klimaaktivistin in Amerika : „Greta ist das Böse“

          Greta Thunberg wird in den Vereinigten Staaten nicht nur von begeisterten Aktivisten empfangen. Auch die Lobbyisten aus dem Lager der Klimawandel-Leugner laufen sich schon warm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.