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Rezension: Belletristik : Das Böse im Busch

  • Aktualisiert am

Über die moralische Spannung im Roman · Von Karl Markus Michel

          Wo werden heute noch metaphysische Bedürfnisse gestillt? Im Unterhaltungsroman. Wenn da von großen Untaten die Rede ist, leuchtet "das Böse" auf. So greifen wir lüstern zum Agentenroman von Frederick Forsyth, dem Altmeister der belehrenden Spannung. Was im unheiligen Rußland demnächst geschehen wird, verrät uns "Das Schwarze Manifest": Im Sommer 1999, nach dem Tod des russischen Präsidenten, wird Igor Komarow für das Präsidentenamt kandidieren und sich dabei als Retter Rußlands aufspielen. Seine wahren Absichten aber wird er in einem Manuskript darlegen, das auf dunklen Wegen in die britische Botschaft gelangt: Komarows Ziele sind imperialistisch, rassistisch, totalitär. Komarow ist ein neuer Hitler. London und Washington kommen überein, das Manifest für eine Fälschung zu halten. Aber die Wahlen rücken näher. So beschließt ein Kreis besorgter Privatiers, einen Superagenten nach Moskau zu schicken. Er soll Komarow durch eine heimtückische "Destabilisierungskampagne" bloßstellen. Der Rest ist Action. Und Nostalgie. Ach ja, der gute alte Kalte Krieg!

          Was immer heute in Rußland geschieht, es mag noch so katastrophal sein - "metaphysisch" ist es nicht, trotz aller Komarows oder Schirinowskijs. Das Reich des Bösen ist uns verloren. Wir brauchen ein neues Böses. Was bieten uns unsere Erzähler an? Betrachtet man einschlägige Romane der letzten Monate, so drängt sich als erste Einsicht auf: Das Böse ist heute der Mann. "Alle Männer sind potentielle Vergewaltiger", sagt in Evelyn Holsts Psychokrimi "Ach, wie gut, daß niemand weiß . . ." die lesbische Kriminalkommissarin Alexa. Diese These wird durch einen simplen Trick plausibel gemacht: Der negative Held, der schöne Pädagoge Marlon, führt ein Doppelleben; einerseits ist er Streichelgatte und Schmusepapa, andererseits sitzt er abends in Hamburg hinter den Büschen und starrt in die Zimmer, wo sich seine potentiellen Opfer entkleiden. In jedem Göttergatten steckt ein Teufel, in jedem Buschwerk eine Bestie.

          Voraussetzung dieser Mutation des Mannes zum Buschmann ist natürlich die allgemeine Entzauberung des Sexuellen. Es dient - auch in der U-Literatur - vor allem der Hygiene. Was früher der Seitensprung war, ist jetzt die heimlich gerauchte Zigarette. Wenn aber im Garten der Lüste, wo einst die Blumen des Bösen wuchsen, nur noch gesunder Sex gedeiht, muß die von ihm abgespaltene abnorme Triebhaftigkeit des Mannes alle bösen Gedanken auf sich ziehen. So entsteht eine Obsession, in der Realität wie in der Phantasie. Alan M. Dershowitz, der Mike Tyson und O. J. Simpson verteidigt hat, zitiert in seinem Roman "Ein Spiel mit dem Teufel" den Dämon gleich im Titel. Joe Campbell, ein Baseballstar aus New York, dem die Girlies scharenweise zulaufen, wird beschuldigt, eine Frau, die mit ihm ins Hotel ging, vergewaltigt zu haben. Er beteuert seine Unschuld. Der Bostoner Anwalt Abraham Ringel übernimmt die Verteidigung. Während des Prozesses wächst in ihm der Verdacht, daß Campbell schon mehrere Frauen vergewaltigt hat, und zwar solche, die - wie er zuvor auf "teuflischen" Computer-Schleichwegen ermitteln konnte - private Gründe hatten, keine Anzeige zu erstatten. Seine Anwaltspflichten hindern Ringel, seinen Mandanten bloßzustellen. Er erreicht einen Freispruch - mit Skrupeln wegen der Aussicht, daß der Sportler weitermacht wie bisher.

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