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Rezension: Belletristik : Das Böse blüht nicht nur in Bielefeld

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Hobbygärtner an der Wurzel allen Übels: John le Carrés Pharma-Thriller bietet Licht- und Schattengewächse · Von Paul Ingendaay

          Es ist soweit: John le Carré, geboren 1931, hat seinen achtzehnten Roman veröffentlicht und mit seinem großen Vorgänger Eric Ambler, dem Begründer des modernen Spionageromans, gleichgezogen. An reiner Papiermasse hatte le Carré seinen überaus ökonomisch schreibenden Landsmann wohl schon nach neun Titeln übertroffen. Man könnte sich fragen, ob jede dieser vielen Seiten gerechtfertigt war. Gibt die Welt des Kalten Krieges, geben die internationalen Krisenschauplätze der postideologischen Ära so viel geheimnisumwitterten Stoff her, daß sich Thriller-Autoren, selbst solche vom Kaliber John le Carrés, gleichsam naturwüchsig an die Sechshundert-Seiten-Marke heranschreiben?

          Manchmal ja. In den Smiley-Romanen etwa, besonders dem ersten und dritten, betreibt le Carré eine atemberaubende Epistemologie der geheimdienstlichen Sphäre, die nicht nur jeder einzelnen Abschweifung bedarf, sondern großartige Literatur jenseits der Thriller-Konventionen hervorbringt. Unvergeßlich, wie Smileys Leute in dem Roman "Dame, König, As, Spion" (1974) nach dem Verräter in den eigenen Reihen fahnden, wie sie sinnlos erscheinende Informationsfetzen anhäufen, während das Vertrauen in die eigene Sache schwindet, wie sich grauer Zynismus breitmacht und jeglichen Gedanken an die moralische Überlegenheit des Westens erdrückt.

          Daß le Carré es jedoch grundsätzlich eher mit Dostojewski hält als mit Kafka (den Eric Ambler wiederum verehrte), hat schon manchem seiner Bücher geschadet, und es beschert dem Leser des neuen Romans "Der ewige Gärtner" einige Dutzend flauer Seiten, gegen die auch ein sicherer Übersetzer wie Werner Schmitz machtlos ist. Die meisten stehen im ersten Viertel, und sie lassen sich leicht erklären: Der Autor will seine Hauptfigur nicht sogleich preisgeben, sondern läßt erst einmal andere über sie reden; er umstellt einen vom Schicksal getroffenen Mann, der seinerseits höflich schweigt, gewissermaßen mit fremden Meinungen, Bildern und allerlei fürsorglichen Absichten. Und weil Schauplatz diesmal Kenia und besonders die Bürokratie des britischen Hochkommissariats in Nairobi ist, erfahren wir aus der Welt der niederen Diplomatie und ihren schäbigen Antrieben viel mehr, als uns lieb ist.

          Wie gehen solche Leute mit einem mehrfachen Mord um, der ihre Karriere gefährden könnte? Was tun sie, um sowohl ihre moralische Blindheit wie auch frühere Vertuschungsversuche zu vertuschen? So lauten die Fragen, als Tessa Quayle, die junge, schöne Frau eines unbedeutenden britischen Beamten, in einem umgestürzten Jeep weit außerhalb der Hauptstadt tot aufgefunden wird. Der Fahrer wurde geköpft; Tessas Begleiter, der schwarze Arzt Arnold Bluhm, ist verschwunden. Nach und nach stellt sich heraus, daß Tessa und ihr Gefährte einem gigantischen Arzneimittel-Skandal auf der Spur waren, dessen europäische Urheber auf die Komplizenschaft der kenianischen Regierung und der Briten zählen konnten. Daß fast alle mit drinstecken, ist ja so etwas wie eine le Carrésche Konstante. Nur wünschte man sich ein Komplott psychologisch auch halbwegs plausibel. Dieses hier hat ein paar Laufmaschen, besonders an den afrikanischen Schauplätzen. Vielleicht ein Indiz dafür, daß mit wachsender geographischer Entfernung auch die poetische Freiheit zunimmt.

          Der Leser bemerkt im ersten Viertel des Romans vor allem zweierlei: Wie geschickt le Carré eine Story konstruieren und mit Details unterfüttern kann, in diesem Fall über die Machenschaften eines Pharmakonzerns, der Tote in Kauf nimmt, um als Monopolist ein hochdubioses Tuberkulose-Medikament auf den afrikanischen Markt zu werfen; und wie unambitioniert, ja täppisch der Autor seine Exposition mit Lokalkolorit aufpumpt. Das ändert sich schlagartig mit Seite 145, als Justin Quayle die Vorderbühne betritt, der ewige (laut Original eher "beständige") Gärtner des Titels. Dieser Justin ist ein stiller Blumenfreund, so reserviert und bescheiden, daß man sich fragt, ob er überhaupt einen Schatten wirft; jedenfalls hat er im Hochkommissariat keine Karriere gemacht. Und nun sieht er plötzlich ein Ziel vor Augen: Während ihm seine Vorgesetzten tröstend auf die Schulter klopfen, auch jene, die seiner Frau Liebesbotschaften geschickt haben, will er herausfinden, wer Tessa ermorden ließ und ob er, wie alle Welt glaubt, ein gehörnter Ehemann war.

          Le Carré macht viel aus dieser schönen Idee. Das persönliche Motiv (wie gut kennt einer die eigene Frau?) fließt mit der Kriminalhandlung (wo sitzen die Drahtzieher der Pharma-Schweinerei?) harmonisch zusammen, und im Nu geht's ab nach England, Italien, Deutschland, die Schweiz und Kanada, was zusammen mit Kenia und dem Sudan sieben Länder auf drei Kontinenten ergibt. Ein bißchen viel für ein einziges Buch, mag man denken, aber eine Kleinigkeit für einen ausgewiesenen Kosmopoliten wie John le Carré, der im Mittelstück des Romans seine Stärken entfaltet. Die Dialoge sind am besten, wenn sie klassische Verhörsituationen abbilden; die größte Spannung entsteht, wenn die Figuren sich fast aussichtslos in ihrer Aufgabe verfangen haben; und besonders beeindruckt die Schilderung eines einsamen Mannes, der jedes neue Terrain betritt wie ein Ritter mit ziemlich dünner Rüstung - ein Held, um den man zittern muß.

          Seite 345 führt Justin Quayle nach Bielefeld, zu einer tapferen Organisation, die mit Tessa per E-Mail gegen die Pharma-Industrie im Bunde war. Wer von der blonden Birgit liest, ihrem Fahrrad mit Kindersitz und ihrem gutmütigen Söhnchen darin, ihrem Idealismus und ihren rosigen Wangen, der wäre bestimmt stolz, ein Deutscher zu sein - wenn le Carré seinem Helden auf einem Spaziergang nicht die sonderbaren Sätze eingegeben hätte: "Waren das die beiden Alten mit den schwarzen Filzhüten vom Morgen, die auf die Beerdigung gewartet hatten? Was starren die mich so an? Bin ich ein Jude? Bin ich ein Pole? Wie lange dauert es noch, bis euer Deutschland nur ein langweiliges Land von vielen in Europa ist?"

          Ja, wie lange noch? Wir wissen es leider nicht. Aber auch mit anderen Ländern ist es bei le Carré zivilisatorisch nicht sehr weit her. Das britische Hochkommissariat ist ein Pool von farb- und skrupellosen Karrieristen, die kenianische Regierung ohnehin korrupt. In Kanada wird eine kritische Ärztin aus dem Job gedrängt. Die Schweiz bietet dem verbrecherischen Unternehmen eine glitzernde Geschäftsfassade.

          Gedanklich stehen solche klischeeverdächtigen Konstruktionen zweifellos ärmer da als frühere Erfindungen le Carrés. Das Branchenblatt "Publishers Weekly" nannte den "Ewigen Gärtner" zwar "zorniger, leidenschaftlicher als alle anderen Romane des Autors". Aber man sollte darin keine Empfehlung sehen. Erst recht nicht nach Lektüre der Nachbemerkung, in der er betont, gemessen an der Wirklichkeit (womit er die Praktiken der Pharma-Industrie meint), sei sein Roman "ungefähr so harmlos wie eine Urlaubspostkarte". Das humanitäre Engagement in allen Ehren, einem Thriller hat dergleichen noch nie auf die Beine geholfen. Und wer wissen will, was böse Buben in die Pillen tun, konnte das schon vor zwanzig Jahren bei Kurt Langbein und anderen nachlesen: in einem Buch mit dem Titel "Gesunde Geschäfte".

          John le Carré: "Der ewige Gärtner". Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz unter Mitarbeit von Karsten Singelmann. List Verlag, München 2001. 558 S., geb., 44,90 DM.

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