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Rezension: Belletristik : Das Abendlied vom Rost

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Tote Dinge erheben sich, wo ihre Produktion unbekümmert um den Produzenten geschieht, am Ende über ihren Schöpfer. So verdummen die Menschen zur materiellen Kraft und werden selber Sachen - davor jedenfalls warnt sie die marxistische Kritik. Das Paradoxe am amerikanischen Vitalismus in Literatur, Kunst, ...

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          Tote Dinge erheben sich, wo ihre Produktion unbekümmert um den Produzenten geschieht, am Ende über ihren Schöpfer. So verdummen die Menschen zur materiellen Kraft und werden selber Sachen - davor jedenfalls warnt sie die marxistische Kritik. Das Paradoxe am amerikanischen Vitalismus in Literatur, Kunst, Musik und Film aber ist, daß er keineswegs auf falsches, verzerrtes Bewußtsein von fatalen gesellschaftlichen Prozessen wie dem genannten hinausläuft, sondern sich bei aller Affirmativität im großen dennoch en detail selbst wie Kritik verhält: "Coole" amerikanische populäre Kunst unterscheidet stets feiner als die bitterste Anklage der Zustände, die sie hervorgebracht haben, die vielen Fälle und Formen jener Zustände. Natürlich will sie die dann trotzdem nicht ändern.

          Die beste amerikanische populäre Erzählkunst beispielsweise versöhnt mit der Verdinglichung gerade dadurch, daß ihre Werke die Realität des genannten kritischen Befunds stillschweigend anerkennen und das Menschliche nicht mehr bei den Menschen suchen, die es eingebüßt haben, sondern bei den Sachen. Deren Verklärung oder Dämonisierung wird so zur selbstgewählten Aufgabe der Autoren; wenn sie die bewältigen, gewinnen sie einen Abglanz dessen, was bürgerliche Kunst immer hat feiern wollen: menschliche Schöpfer- und Benennerkraft. Nur Menschen, lautet das erhebende Sentiment dazu, können so schön über Dinge schreiben; nur in Dingen aber, ergänzt das leise Grauen, dürfen sich Menschen noch so abgründig spiegeln.

          Stephen King hat immer besser gewußt und schöner gezeigt als seine Konkurrenten, in was für Waren diese Sorte Kunst ihre Chiffren hat. Tote Menschen gibt es bei ihm zuhauf, tote Dinge aber fast gar nicht. Denn alles, was man kaufen kann, ist ihm lebendig: ein Cola-Automat, ein Silberdollar, eine elektrische Gitarre - und weil das Vitale vor allem mobil ist, vor allem immer wieder Fahrzeuge: das Fahrrad, auf dem die Kinder in "It" vor Tod und Teufel fliehen, das Motorrad des alten Schriftstellers in "Desperation", die führerlosen Trucks in "Maximum Overdrive" und der 1958er Plymouth Fury, der einem Buch namens "Christine" den Namen schenkte.

          Jetzt ist Stephen King müde geworden. Es geht ihm dabei wie der paradox-vitalen, schrecklich-schönen Welt, deren bester Beschreiber und Deuter er ist: Die Erdölreserven gehen zur Neige, das tote zwanzigste Jahrhundert ist eine riesige Müllhalde, auf der wir sitzen, und die Sachen sind auch nicht mehr so lebendig, wie sie mal waren. Das Auto, von dem Kings neuer Roman "Der Buick" handelt, fährt deshalb schon von Anfang der Geschichte an nicht mehr - wenn es denn je gefahren ist. Auch der Originaltitel des Romans deutet ein Vergänglichkeitsmotiv an, mit der für King typischen Bezugnahme auf den mächtigen Resonanzkörper quasimythischer Popkultur: "From a Buick 8" heißt das Buch und erinnert so an "From a Buick 6", eine kleine Todes-Ode Bob Dylans.

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