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Rezension: Belletristik : Dallas liegt in Polen

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"Fräulein Niemand": Tomek Tryzna rechnet mit der Raffgier ab

          4 Min.

          Jemand verfaßt seinen ersten Roman, und ein Nobelpreisträger für Literatur zieht davor den Hut - das ist so unwahrscheinlich wie ein Sechsertreffer im Lotto gleich beim ersten Tippzettel. Aber genau das geschah Tomek Tryzna, geboren 1948, Filmregisseur und Drehbuchautor in Warschau. Als sein "Fräulein Niemand" 1994 erschien, applaudierte Czeslaw Milosz in einer ausführlichen Rezension. Tryznas Buch sei "der erste genuin polnische postmoderne Roman", meinte Milosz, und: "Manchmal denke ich, daß dieser und kein anderer Roman . . . in Polen endlich hat erscheinen müssen, daß man ihn (obwohl er schon 1988 geschrieben wurde) unbewußt erwartete." Offenbar war das nicht bloß in Polen der Fall: Drei Jahre nach der Warschauer Premiere gibt es schon Übersetzungen in zehn Sprachen; als elfte kommt jetzt die deutsche Ausgabe hinzu. Und irgendwann wird uns wohl auch der Film erreichen, den Andrzej Wajda 1996 nach Tryznas Vorlage gedreht hat.

          Da das Buch in der noch bestehenden Volksrepublik Polen konzipiert und geschrieben wurde, spiegelt es deren Verhältnisse wider, allerdings unter den Auspizien der nahenden Wende. Schon scheidet der Dollar als illegale, aber unendlich begehrte zweite Landeswährung die Bevölkerung in Erfolgstypen und Pechvögel. Wer Beziehungen ins Ausland hat, der trägt westliche Jeans, Kleider, T-Turnschuhe; der weiß, welche Automarke, welcher Popstar, welcher Kinoheld in ist. Unaufhaltsam versinken am Horizont die Begriffe des Sozialismus, es überrascht geradezu, wenn jemand beiläufig vom Blumenstrauß zum Internationalen Frauentag spricht.

          Politik ist nicht das Thema des Romans, aber sie gehört zu seinem Ambiente. Die handelnden Personen beziehen nicht zuletzt aus den politisch zu verantwortenden gesellschaftlichen Verhältnissen ihre Ausstattung, Kraft oder Schwäche. Czeslaw Milosz bemerkte dazu: "Ich habe mich mit Fräulein Niemand befaßt, weil ich glaube, daß dieser Tomek Tryzna ein guter Mensch sein muß. Ihm tun Menschen leid, vor allem die jungen, die gezwungen sind, sich mit sich selbst und ihrer Existenz auf dieser Erde auseinanderzusetzen: jetzt und heute, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, wenn hinter den bunten Kleidern, Neonreklamen und glitzernden Autos das Nichts die Zähne fletscht."

          Das klingt nach Tragödie, und wer dergleichen heraushört, hat das Wesen des Romans schon richtig erfaßt. Dabei fängt alles so harmlos an, man meint über weite Erzählstrecken, nichts als eine bunte Jugendwelt zu erleben, einen Teenager-Schnack, in dem alles Schlimme sich im Ärger mit Eltern oder Lehrern erschöpft. Aber von Seite zu Seite peinigender drängt sich die Erkenntnis auf, daß Sartres Verdikt "Die Hölle, das sind die anderen" offenbar nicht für mündige Erwachsene reserviert ist.

          Tryznas Heldinnen sind um die fünfzehn Jahre alt. Marysia, Kasia und Ewa besuchen die Abschlußklasse einer Hauptschule in einem Provinznest. Erzählt wird die Geschichte aus Marysias Perspektive, sie liest sich wie eine Tonbandbeichte. Warum hat der Autor sie vor den anderen beiden Figuren auserwählt? Vermutlich, weil sie sozial am schlechtesten ausgestattet ist, zum Opfer eher geeignet als zum Täter. Marysias Vater ist ein hart malochender und übermäßig saufender Bergwerksarbeiter, die Mutter eine beschränkte Spießerin, der fünf Geburten und die tägliche Haushaltsfron jeglichen Liebreiz und jede Spur geistigen Interesses ausgetrieben haben. Die Familie zog aus einer dörflichen Bretterkate in eine städtische Plattenbauwohnung, was Marysia wie ein Aufstieg in den Himmel vorkommt. Aber dann sieht sie die Herrschaftswohnung, in der Kasia, und die weiße Prunkvilla, in der Ewa zu Hause ist. Die Kleineleutetochter beginnt sich zu schämen, fürchtet um ihr Ansehen in der Schulklasse, entwickelt Aggressionen.

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