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Rezension: Belletristik : Dämonen im Busch

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Richard Dooling schwinden die Sinne · Von Harald Jähner

          5 Min.

          Eine Urszene der Reiseliteratur besagt, eine wirklich weite Reise sei stets auch eine Fahrt zu sich selbst. Einen Weg durch die Wildnis gebahnt zu haben, immer tiefer hinein oder immer höher hinauf gekommen zu sein endet im idealtypischen Fall bei sich selbst.

          Die selbstbezogene Dynamik auch der allerschönsten road movies findet dort jedoch ihre Grenze, wo die Fremde sich nicht mehr bewältigen läßt wie ein endloses Band von weißen Mittelstreifen, sondern dem Reisenden ihre eigene Dynamik entgegensetzt. Für den Reiseroman war dieser Punkt spätestens erreicht, als Joseph Conrad im Dschungel das Aushaken seiner Wahrnehmungskategorien erlebte und seine Leser ins "Herz der Finsternis" blicken ließ. Erst recht für das aktuelle Verständnis der Differenz zwischen den Kulturen ist die Fremde keine terra incognita mehr, die sich unseren Entdeckungslüsten zur Unterwerfung anbietet.

          Der Reisende des sogenannten postkolonialen Romans begibt sich in Abhängigkeit von fremden Vorstellungswelten. Im "Grab des weißen Mannes" von Richard Dooling hat es einen jungen Amerikaner nach Sierra Leone in Westafrika verschlagen. Auch dieser Held, durch Roman und Afrika eher hindurchtölpend als zielstrebig reisend, schaut am Ende der Irrfahrt nicht sich selbst in die schöne Seele, sondern einem Huhn ins rote Auge. Eine ganze Runde sierraleonischer Dorfbewohner schaut zu, wie Huhn und Amerikaner sich gegenübersitzen. Boone Westfall muß die Zunge herausstrecken und einige Getreidekörner darauf legen. Mit offenem Mund wartet er darauf, wie das Geflügel reagiert. Pickt es die Körner aus seinem Rachen, haben die Ahnen ihm verziehen, bleibt eins übrig, muß sein afrikanischer Gastgeber noch mehr Opfer für ihn bringen. Der Amerikaner glaubt zwar an keines dieser Voodoo-Rituale, hat jedoch mit wachsendem Entsetzen feststellen müssen, daß sie hier in Sierra Leone besser funktionieren als seine eigenen Sinne.

          Funktionieren aber muß dringend etwas, denn Boone Westfall ist nicht zum Spaß nach Afrika gekommen. Er sucht seinen Freund Michael Killigan, der in Sierra Leone spurlos verschwunden ist. Bevor er ihn am Ende in den Händen marodierender Kindersoldaten aufspürt, muß Boone Westfall tief hinein in das, was man summarisch "Busch" zu nennen pflegt. Aufklärung, angesichts des mythengesättigten Afrika noch von ideengeschichtlich emphatischer Bedeutung, hat auch einen ganz handfesten, detektivischen Kern. Denn in einer Region, in dem "jedes Gespräch einem Spaziergang durch den Urwald gleicht", ist keine Distanz linear zu verstehen, keine Aussage als einfacher Hinweis. Boone muß lernen, daß "Information" ein Begriff aus der "pu-mui-Welt" ist, eine Kategorie der weißen "Habmänner", die nur dort funktioniert, wo man Beziehungen "hat", statt in Beziehungen zu "sein". Die Frage "Wo ist mein Freund Killigan?" wird ihm stets in einer ganzen Fülle von Andeutungen, Gleichungen, Nebengeschichten und Fabeln beantwortet.

          Dooling, der sieben Monate in Sierra Leone lebte, schildert mit komödiantischem Witz, wie in einer echten Fremde Ankommen zum schier unabschließbaren Vorgang wird. Es ist ein Weg in ein anderes Denken. Räumliche Endstation ist vorerst Ndevehun, ein Dorf nahe der Provinzstadt Bo, wo hauptsächlich Angehörige der westafrikanischen Mende in traditioneller Weise leben. Hier, wo Michael Killigan zuletzt gelebt hat, integriert in ein Geflecht angenommener, teils leibhaftiger, teils transzendenter afrikanischer Ahnen, darf auch Boone sich der Fürsorge der Dorfgemeinde nicht erwehren. Wohl bei weitem nicht so einsichtig wie sein "zum Afrikaner konvertierter" Freund, durchsteht Westfall Lektion für Lektion, am Ende aus purem Überlebenswillen. Er muß lernen, sich nicht einzumischen, wenn längst gesättigte Säuglinge bis zur drohenden Erstickung gestopft werden. Er muß darauf verzichten, sich als Gutmensch aufzuführen, der seine Taschen selber trägt, will er nicht als Geizhals dastehen. Am schwersten fällt der Verzicht auf jegliche Intimsphäre. In einem Land, das wohl mehr Tabus als Verkehrsschilder kennt, bleibt weder der Durchfall noch der Beischlaf verschont, Gegenstand von Dorfwitzen und öffentlichen Neckereien zu werden.

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