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Rezension: Belletristik : Da will ich lieber bleiben, wie ich bin!

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Bild: Berlin Verlag

Elke Schmitter hat schon vor zwei Jahren mit ihrem Romandebüt "Frau Sartoris" bewiesen, dass sie absichtsvoll schreibt und auf vorauseilende Anpassung keinen Wert legt.

          Am Ende dieses Buchs erwartet man unwillkürlich einen defensiven Satz wie "Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt". Aber Elke Schmitter hat schon vor zwei Jahren mit ihrem Romandebüt "Frau Sartoris" bewiesen, daß sie absichtsvoll schreibt und auf vorauseilende Anpassung keinen Wert legt. In mitreißendem Tempo schilderte sie Margarethe Sartoris als eine skrupellosere Emma Bovary, ließ sie eine Jugendliebe mit bösem Ende durchleben, gefolgt von einer frustrierenden Ehe und einer enttäuschenden Affäre, und verwickelte sie dann noch in eine Kriminalgeschichte. Margarethe hielt stand: Auf 160 Seiten gelang Schmitter das überzeugende Porträt einer Frau, die die ausgleichende Gerechtigkeit des Lebens gefunden und akzeptiert hat.

          Schmitters neuer Roman "Leichte Verfehlungen" ist fast doppelt so umfangreich, und nichts daran erinnert an die faszinierende Kaltblütigkeit von "Frau Sartoris". Schmitter hat das Tempo gedrosselt - so sehr, daß es manchmal scheint, als fahre sie mit angezogener Handbremse. Diesmal umspannt ihr Roman kein halbes Leben, sondern ein knappes halbes Jahr im Leben von vier Frauen um die Vierzig.

          Selma Craiss - "Der Name ist Ihnen doch sicher ein Begriff" - moderiert Sendungen zu geisteswissenschaftlichen Themen und veröffentlicht regelmäßig kluge Aufsätze in den einschlägigen Zeitschriften; Bettina Melker, ihre Freundin, hat die intellektuelle Laufbahn hintangestellt, als sie ihren Professor heiratete und Mutter wurde; Angelika Frings ist Anglistin auf Jobsuche und Marlene Müller-Scharté Szene-Galeristin. Zu Beginn des Romans weilt Selmas Lebensgefährte Wolfgang gerade für ein halbes Jahr als Gastdozent in Kalifornien; Bettinas Mann Johannes geht nicht zum ersten Mal mit einer blonden, begabten Assistentin fremd; Angelika ist eigentlich lesbisch, schläft aber dennoch einmal mit einem gewissen Alexander Mock, Architekt aus dem Schwäbischen, und wird prompt schwanger; Marlenes Mann Peter ist Anwalt und läßt seine geschäftstüchtige Frau glauben, er stünde unter ihrer Fuchtel. Und dann ist da noch Konrad Waal, Theaterregisseur von einigem Ansehen.

          Vier intelligente, sehr unterschiedliche Frauen also, drei geistig und körperlich ziemlich abwesende (Wolfgang, Johannes, Peter) und zwei geistig (Konrad) und körperlich (Alexander) sehr anwesende Männer: eine vielversprechende Konstellation, aber auch eine verwirrende Vielzahl von Personen, was die Handlung nicht spannender macht, sondern behindert. Elke Schmitter versteht es, Selma Craiss als Protagonistin zu etablieren, obwohl sie all ihren Figuren viel Raum gibt. Selma ist die passive Heldin des Romans, die elegant durchs Leben gleitet, dabei aber seltsam unbeteiligt bleibt. Bis sie sich in Konrad verliebt.

          Elke Schmitters erzählerische Haltung ähnelt der Selmas zum Leben: Sie nimmt alles wahr, bleibt jedoch distanziert. Selma läßt sie in ihrer Verliebtheit schwelgen; sie beschreibt Bettinas Versuch, mit der Untreue ihres Manns umzugehen, Sophie eine gute Mutter zu sein und zugleich ohne Schuldgefühle ihre Karriere wieder aufzunehmen; sie erzählt von Angelikas Schwangerschaft und dem damit einhergehenden Entschluß, von nun an ein bürgerliches, heterosexuelles Leben zu führen und schildert das - scheinbar funktionierende - Ehemodell von Marlene und Peter als kameradschaftliches Nebeneinander.

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