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Rezension: Belletristik : Coladosen im Tertiär

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Die Grube Messel ist zweifellos ein Juwel unter den Fossillagerstätten. Die im Ölschiefer eingeschlossenen Funde sind mitunter phantastisch gut erhalten und gewähren unvergleichliche Einblicke in eine längst vergangene Welt. Daß Bernhard Kegel seine Leser des öfteren durch dieses Fenster in die Vergangenheit schauen läßt, sei ihm hoch angerechnet. Doch sobald man sich mit Urpferdchen und Ameisenbär anfreunden will, tauchen wieder Tobias oder andere Gesellen auf und verstellen den Blick. Dadurch verkommt die Biologie zum schmückenden Beiwerk.

Vielleicht können aber Chronobiologen von der Lektüre profitieren, denn natürlich kommen auch die aus Film und Fernsehen bekannten Zeitreisen vor. Der Reihe nach paddeln Helden und Schurken durch eine Höhle in der Slowakei, wo die Zeit offenbar stehengeblieben ist. Endlich erfahren wir, was wir immer schon über Zeitsprünge wissen wollten: Die Wände und die Decke scheinen auf einen zuzukommen, scheußliche Kopfschmerzen stellen sich ein, doch ehe das Verlangen nach Aspirin übermächtig wird, ist man um Millionen Jahre verjüngt.

Die Zeittouristen aus der Gegenwart benehmen sich recht ungebührlich. Zum einen sollte man im Tertiär schon eine gewisse Kleiderordnung einhalten und nicht respektlos im T-Shirt herumlaufen. Zum anderen ist es schändlich, die leeren Coladosen wegzuwerfen, statt sie dem Recycling zuzuführen. Auch die Umgangsformen lassen zu wünschen übrig. Es gehört sich einfach nicht, einen gerade im Tertiär angekommenen Reisenden mit "'n Abend" zu begrüßen. Man ist daher recht erleichtert, als schließlich an den Gestaden jenes eozänen Sees, aus dem die heutige Grube Messel hervorgegangen ist, der unvermeidliche Showdown stattfindet.

Bevor es soweit ist, sind freilich etliche Ausflüge in die Stammesgeschichte zu absolvieren, denn das Buch soll den Leser auf den neuesten Stand evolutionärer Erkenntnis bringen. Es führt aber eher zu der Überzeugung, daß das heutige Biologiestudium dringend reformiert werden muß. Wie sonst könnte Micha, obwohl schon höheren Semesters, an einer derart hausbackenen Evolutionstheorie herumbasteln? Nicht der Tüchtigste überlebt demnach, sondern derjenige, der am meisten Glück hat. Dabei ist doch klar, daß die Selektion ganz anders erfolgt. Das beweist auch der Roman. Während die Bösen ihr Leben aushauchen und somit in der Sackgasse der Evolution enden, bleibt das Gute bestehen und pflanzt sich, wie Micha und Claudia zeigen, erfolgreich fort.

Der Band "Das Ölschieferskelett" zählt zu den günstigen Büchern. Zum Preis von einem erhält man zwei - einen Roman von der Stange, dem die Stiftung Warentest vielleicht sogar das Qualitätsurteil "gut" verleihen würde, sowie ein Sachbuch, das allerdings kommentierungsbedürftig ist. Schade, daß der Roman durch die Exkursionen in die Wissenschaft heillos zerstückelt wird und das Sachbuch unter der unmöglichen Handlung des Romans leidet. REINHARD WANDTNER

Bernhard Kegel: "Das Ölschieferskelett". Roman. Ammann Verlag, Zürich 1996. 480 S., geb., 44,- DM.

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