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Rezension: Belletristik : Brustschwimmen gegen die Zeit

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Protokolle des Alterns: Der Abschluß der Werkausgabe Walter Vogts

          4 Min.

          "Vielleicht erstaunt es . . ., daß eine derart kraß autobiographische Form gewählt wurde - aber: es ist doch in der neuen und neuesten Literatur zunehmend ein stark autobiographisches Element zu bemerken. Kaum einer wagt noch zu erfinden. Da sehe ich einfach nicht mehr recht ein, weshalb man nicht gleich zu dieser Person, diesem erzählenden Ich als dem eigenen Ego stehen soll."

          Das hat der Schweizer Schriftsteller, Arzt und Psychiater Walter Vogt vor einer Lesung aus seinem Tagebuchroman "Altern" erklärt. Denkt man darüber nach, dann hat dieser Weg aus der ewigen Krise des Romans etwas verblüffend Einleuchtendes: statt der flauen fiktionalen Verhüllung dessen, was doch nur auf dem Mist der eigenen Erfahrung gewachsen sein kann, statt der gewohnten ermüdenden Verschlingung von Autor, Erzähler und Figur - die Flucht nach vorn. Aber sie fordert dem, der sie betreibt, zwei Dinge ab, die zu vereinen große Kunst verlangt: die Selbstpreisgabe, ohne die das Projekt uninteressant wäre, und zugleich ein Taktgefühl, das jeden Hauch von Narzißmus spürt und meidet.

          Erst einundfünfzig, eigentlich noch gar nicht so alt, ist Walter Vogt, als er anfängt, den Tagebuchroman zu schreiben, aber über die "Lebensmitte", die man diesem Alter euphemistisch zuordnet, doch bereits deutlich hinaus. Er beginnt, passend zu der erreichten Altersstufe, im späten Sommer, am Montag, dem 14. August 1978. Doch läßt Vogt sich nicht zu einer sentimentalen Symbolik der Jahreszeiten verleiten; das Buch überspannt mehr als ein Jahr und endet mit dem 20. Oktober 1979, mit großen Pausen dazwischen.

          Altern heißt natürlich zunächst, sich der Veränderungen bewußt zu werden, die sich am Körper vollziehen, und nicht zum Besseren. Genau verzeichnet Vogt, wie sich seine nicht eben mehr taufrische Haut anfühlt, wie viel tiefer auch kleine Verletzungen an den Kern der Existenz dringen, welche Vielzahl von Molesten ihm Rücksichten aufnötigt. Er ist ein Mensch der Gewohnheiten, aber davor, pedantisch zu werden, bewahrt ihn eine gewisse Selbstironie: einundfünfzig Schwimmzüge legt er jeden Morgen im See vor seinem Ferienhaus im Schweizer Jura zurück, einen für jedes Jahr seines Lebens, da er voraussetzt, damit käme er dieses Jahr noch genauso weit wie letztes Jahr mit fünfzig und vorletztes Jahr mit neunundvierzig Zügen - und mit einer rührenden Kühnheit tut er dies nackt, obwohl er weiß, wie hilflos und vielleicht gar lächerlich und abstoßend ein alternder nackter Mann wirkt. Altern heißt für einen Mann etwas anderes und, wie Walter Vogt der landläufigen Meinung zum Trotz glaubt, etwas Unwiderruflicheres als für eine Frau: "Die sogenannten Zeugungsorgane, für die es keine vernünftigen Bezeichnungen gibt, gehören mir nicht, und so gesehen bin ich nichts als ein beweglicher, fressender, saufender, rauchender, alternder Samenträger einer Zukunft, die Sekunde um Sekunde zur Vergangenheit wird."

          Aber das heißt nicht, daß Walter Vogt einer barocken Poesie des Madensacks verfällt. Altern ist für ihn nur zum Teil Ausdruck einer stillstehenden Todesbestimmtheit, viel mehr jedoch die qualitative Verschiebung der Gewichte zwischen dem schon verbrauchten und dem noch verbliebenen Vorrat an Lebenszeit: das macht Altern zu einem im strengen Sinn historischen Prozeß. Altern schließt für Vogt Natur und Geschichte zu einer einzigen Kategorie zusammen; so vermag er Natur ohne Überschwang und Geschichte ohne Trübsinn zu sehen. Die Erinnerung an seine Jugend wird ihm zugleich zu einem knappen Porträt der fünfziger Jahre, die als eine im Rückblick ein wenig beschämende Zeit fahrlässiger Erleichterung erscheint - "die Geschichte setzte dann 1963 mit dem Kennedy-Mord wieder ein".

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