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Rezension: Belletristik : Blumenkauf nach Buchschluss

  • Aktualisiert am

Michael Cunningham reist auf den Spuren von Virginia Woolf

          3 Min.

          Virginia Woolfs berühmter Roman "Mrs Dalloway" - er spielt 1923 an einem Junitag in London - sollte ursprünglich "Die Stunden" heißen. Michael Cunninghams "Stunden" sind eine Hommage an dieses Buch und Woolfs subtile Kunst der Wahrnehmung. Wir befinden uns zugleich im New York der neunziger Jahre, in einem Vorort von Los Angeles im Jahre 1949 und in Richmond im Jahre 1923: Die New Yorkerin mit dem Spitznamen Mrs Dalloway heißt eigentlich Clarissa Vaughan und überlässt sich an einem Junitag - wie die Figur in Woolfs Roman - dem sinnlichen Brodeln der Stadt. Wie diese hat sie die fünfzig überschritten und gibt am Abend eine Party, für die sie Blumen besorgen muss. Aber Cunningham hat sie der neuen Zeit angepasst und die Personen neu gemischt: Clarissa Vaughan liebt Sally, mit der sie seit achtzehn Jahren glücklich zusammenlebt - eine Liebe, die bei Woolf nur ein Versprechen bleibt -, und Richard, für den sie die Party gibt, ist nicht der Ehemann, sondern ein enger Freund und Lyriker, den sie - wie Mrs Dalloway Sally in Woolfs Roman - nur ein einziges Mal geküsst hat. Sein Geist ist durch Aids zerrüttet, und er stürzt sich schließlich, wie Septimus in der Vorlage, aus dem Fenster, weil er die Krankheit nicht mehr erträgt. Wie er trotz Clarissas Bemühungen in die Helligkeit des Tages hinunterspringt, dies gehört, neben den Schilderungen seines Verfalls in der abgedunkelten Wohnung, zu den eindrucksvollsten Kapiteln des Romans.

          In einem zweiten Erzählstrang begegnen wir der fiktionalisierten Virginia Woolf, die sich im Vorort Richmond danach sehnt, wieder in London zu leben. Für die Darstellung von Woolfs Alltag mit ihrem Mann Leonard stützt sich Cunningham auf verschiedene Quellen, ohne sich immer chronologisch genau an die Vorgaben zu halten. Er versucht stattdessen zu zeigen, wie Erlebtes ins Schreiben einfließt und sich dort verwandelt.

          Während die New Yorker Clarissa (wie Woolfs Mrs Dalloway) ihre Liebe zum Leben lebt und die fiktionalisierte Mrs Woolf schreibend das Leben imaginiert, von dem sie in Richmond ausgeschlossen ist, liest Mrs Brown an einem Junitag im Jahr 1949 den Roman "Mrs Dalloway". Sie ist zum zweiten Mal schwanger und geistig unterfordert, eine Hausfrau, die alle Symptome dessen aufweist, was Betty Friedan Anfang der sechziger Jahre Weiblichkeitswahn nannte. Fühlbar wird dies beispielsweise anhand ihrer verlangsamten Wahrnehmung, die die Dinge aus den gewohnten Zusammenhängen herauslöst: Die Zutaten, aus denen ein Kuchen werden soll, erscheinen in ihrer reinen Phänomenalität. Aber alle Versuche, diesen Kuchen in ein Kunstwerk zu verwandeln, scheitern.

          Ihrem Schicksal versucht Mrs Brown vorübergehend zu entrinnen, indem sie sich für ein paar Stunden ein Zimmer in einem Hotel mietet, um sich ungestört ihrer Lektüre zu widmen. Ihr Name verweist auf jene gewöhnliche Frau, die Virginia Woolf in ihrem programmatischen Essay "Mr Bennet und Mrs Brown" als Herausforderung für jeden Schriftsteller bezeichnet hat. Sie ist hier identisch mit der gewöhnlichen Leserin, als die Virginia Woolf sich selbst sah: offen für die Abenteuer des Geistes. Den drei Erzählungen, die zum Schluss zusammengeführt werden, ist ein Prolog vorangestellt, der Virginia Woolfs Gang ins Wasser und die letzten Augenblicke vor ihrem Tod zu evozieren versucht - eine Imaginationsübung, die eher usurpatorisch als überzeugend wirkt.

          Verklammert werden die drei Erzählstränge durch die zahlreichen korrespondierenden Bilder und Motive. Ein solches Motiv ist beispielsweise der Kuss auf die Lippen - in Woolfs Roman einer jener "Augenblicke des Seins", die zentral für ihre Poetik sind. Cunningham modifiziert und vervielfältigt ihn und lenkt dadurch den Blick auf die liberalisierten Verhältnisse des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts: Die Liebe zwischen Frauen, die für Woolf und Laura Browns Generation kaum lebbar war, ist für die New Yorkerin Clarissa selbstverständlich geworden. Sie und ihr Freundeskreis leben ihren gender trouble offen, der Vater ihrer Tochter ist nur noch eine Nummer auf einem Reagenzglas. Bauweise und Stil von Cunninghams Roman zeigen, dass er bei Woolf in die Lehre gegangen ist, dabei aber etwas durchaus Eigenständiges geschaffen hat, das trotz aller Anspielungen, Echos und Parallelen ohne die Vorlage gelesen werden kann.

          Dass es sich bei dieser Vorlage um ein Meisterwerk handelt, ist jedoch nicht unproblematisch: Man verfällt unweigerlich ins Vergleichen, und ein Vergleich dieser Art ist ungerecht, auch wenn Cunningham ihn geradezu herausfordert. Je vertrauter man mit der Vorlage ist, desto eindimensionaler erscheint die amerikanische Variante. Auch wenn gewisse Szenen aufgrund ihrer poetischen Sensibilität im Gedächtnis bleiben, hält das Buch einer zweiten Lektüre nicht stand. Die Machart wird überdeutlich, die Sprache verliert an Kraft, und übrig bleibt Cunninghams Thema: Die Verwirklichung des Traums vom anderen Leben rückt den grundlegenderen Traum von physischer und geistiger Lebendigkeit in den Vordergrund, über deren Verlust weder Ruhm noch postume Unsterblichkeit hinwegtrösten können. Das Glück, lebendig zu sein, ist nur durch die Gewissheit des Todes zu haben, die sich jedoch gewaltsam Einlass ins Bewusstsein verschaffen muss - davon vor allem handeln "Die Stunden". Dass Cunningham dies zu vermitteln versteht, ohne es auszusprechen oder als Botschaft zu formulieren, mag die amerikanische Kritik dazu veranlasst haben, seiner Prosa Eleganz und Eindringlichkeit zu bescheinigen. Georg Schmidts Übersetzung rettet sie weitgehend ins Deutsche hinüber, nur manche der Dialoge sind ein Ärgernis: Sie erinnern oft an jenes Fernsehdeutsch schneller Synchronisationen, das nicht mehr Englisch und noch nicht Deutsch ist und durch ein sorgfältigeres Lektorat hätte vermieden werden können.

          CLAUDIA WENNER.

          Michael Cunningham: "Die Stunden". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Georg Schmidt. Luchterhand Verlag, München 2000. 304 S., geb., 39,80 DM.

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