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Rezension: Belletristik : Blubbern im Maschinenraum

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Schreiben wie ein Faustschlag: Matthias Matussek war in Amerika

          Wovon man nicht mehr berichten kann, darüber kann man immer noch erzählen. Der rasende Reporter Matthias Matussek hat aus seinen amerikanischen Impressionen, aus Lektüre- und Kinoerfahrungen einen Verlierer-Roman gezimmert, der so tough sein will wie Hemingway und so flott von oben herab geschrieben ist wie "Spiegel"-Reportagen. Der Verlierer kriegt alles: literarischen Erfolg, Weisheit, eine Hochschulstelle und sein Mädchen. Was nach Scheitern riecht, wird mit einer lässigen Lebensphilosophie parfümiert, die jede Niederlage im Leben zur Kunst adelt. Rupert Lubowitz, dessen Leben wir wohl als amerikanisierte Wunschbiographie des Autors begreifen dürfen, ist ein dreister kleiner Kerl mit großen Ambitionen.

          Tellerwäscher und Renaissancemensch, Dozent und Verkäufer, Erbe und Filmkritiker: Rupert dilettiert in allen Branchen, die gesteigertes Leben, künstlerischen Ruhm oder Gewinn ohne Arbeit versprechen. Deshalb bewundert er italienische Madonnenmaler, die "zu dick auftragen", große Künstler und namentlich die große Oper. Eigentlich will er aber in Hollywood groß herauskommen. Daß er es nur bis zum Statisten in B-Horrorfilmen bringt, kann seinen Optimismus nicht erschüttern. Es genügt, Großes gewollt zu haben. "Ich wollte immer den Oscar und einmal vor Millionen auftreten und aus meinem Leben eine goldene Lüge machen, irgendwas Schönes und Geglücktes. Was soll daran falsch sein? Sicher, du wirst älter, und du fällst immer wieder auf die Schnauze, und du merkst, daß du nicht so bedeutend bist, wie du es sein möchtest." Wer wird darum seinen Ehrgeiz mäßigen? "Siegen kann jeder. Verlieren ist die Kunst. Lebenskunst."

          "Matthias Matussek ist der Beste seiner Generation", soll der verstorbene Harold Brodkey von ihm gesagt haben. Von seinem Besuch bei Brodkey hat Matussek jedenfalls dessen Begriff des "Schmerzkontinuums" mitgenommen, der sich vornehmer ausnimmt als der selbstgedrechselte "innere Maschinenraum", der gleich sechsmal "blubbert". Die "Generation", deren Bester Matussek ist, läßt sich indes nicht genau bestimmen. Seine Kalauer und Scherze, auch seine "männlichen, vom Leben gegerbten Worte" sind gut abgehangen, und seine nostalgischen Zeitsatiren sind von Woody Allen schon vor zwanzig Jahren lustiger abgefeuert worden.

          Rupert jedoch läßt keine Epoche aus. In den sechziger Jahren, in seiner marxistischen Phase, spielt er vor "Pot rauchenden, vor sich hinstierenden, knutschenden, Gitarre spielenden, ,Wow' rufenden Hippies" und verliert längst geschlagene Schlachten. In den siebziger Jahren mischt er sich unter die Erben und Esoteriker, um noch einmal ihre Sehnsucht nach billig erworbener Prosperität und Erleuchtung zu verspotten. In den Achtzigern gerät der kleine, dicke Intellektuelle unter Yuppies und Mafiosi, lauter "geil grinsende Grimassen".

          Authentisch unter all den Posen wirkt nur die Eitelkeit des Künstlers, der, eingeschlossen in den inneren Maschinenraum einer monomanischen Seele, keine Realität braucht, um realistisch erzählen zu können, und keine Idee, um der provinziellen deutschen Literatur auf die Sprünge zu helfen. Man kennt sich aus im Yankee-Stadion, in den Kaschemmen von Little Italy oder den Opiumhöhlen von Chinatown. Das hat kosmopolitischen Drive und metropolitanen Schwung. Nur die Metaphern halten nicht Schritt: Wimpern sind bieder wie Vorhänge, Griffe hart wie Schraubstöcke, Blicke so kühl wie die Eisbahn im Central Park in einer Winternacht.

          Aus dem Kapitel "Rupert als Kritiker" wissen wir indes, daß die Literatur in die Hände "koksender Szenenlümmel" und blasierter Designfetischisten gefallen ist, denen es nur darum geht, "schmeichelhafte Selbstporträts in ihren Kritiken zu entwerfen, mit denen sie ihr gestörtes Selbstwertgefühl pamperten". Matussek räumt "diese ängstlichen Packungen schlaffer Bescheidenheit schon mit dem ersten Fausthieb zur Seite" und pampert sich mächtig mit der Erkenntnis, daß das Leben am schönsten wäre ohne extravagante Kunstanstrengung. So schnoddrig und frech ein belangloses Buch zu schreiben ist vielleicht noch keine Kunst im eigentlichen Sinne. Aber doch auch eine Art von Lebenskunst, die einmal in einer fetzigen Reportage oder einem guten Roman gewürdigt zu werden verdiente. MARTIN HALTER

          Matthias Matussek: "Rupert oder die Kunst des Verlierens". Diogenes Verlag, Zürich 1996. 199 S., geb., 32,- DM.

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