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Rezension: Belletristik : Blindheit ohne Einsicht

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Bei Gilbert Adair stirbt schon wieder ein Autor / Von Julia Encke

          Eine Geschichte ist genau dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, verkündet das Motto bei Gilbert Adair. Zu spät kommt John Ryder zu seinem Vorstellungsgespräch in die Cotswold Hills. Das Landhaus liegt abgelegen und erinnert an die Zelle eines mittelalterlichen Gelehrten oder Heiligen, an eine Versenkung, in der man beim Eintreten verschwindet. Niemand würde hierher kommen - bis auf eine Haushälterin vielleicht. Keine Zeitungen, kein Radioapparat, kein Fernsehen. Nur wenige Kilometer von London entfernt konnte einem die Welt schon gestohlen bleiben. Adairs Leser sind auf alles gefasst.

          Ein bekannter Schriftsteller ist es, der bei einem Autounfall in Sri Lanka am ganzen Körper Verbrennungen erleidet, das halbe Gesicht und beide Augen verliert und jetzt nach einem Sekretär sucht. Fremde Augen sollen an die Stelle der seinen treten. Jemand, der die Welt nicht nur für ihn beobachtet, sondern die Beobachtungen an ihn weitergibt, so dass er sie in Prosa umgießen kann, jemand, der die Orte seiner Vergangenheit noch einmal aufsucht. Er träumt von einer Autobiografie.

          Der Roman wird sie als Geschichte der Buchstabierungen und Lektüren, der Verbesserungen und Wiederholungen dokumentieren. "Ich bin blind", lautet der erste Satz eines langen Diktats. Der junge Ryder leiht dem Autor die Augen und macht seine Sache gut. Er achtet darauf, dass im Haus auch das Licht brennt, dass die Türen einen Spalt offen stehen, begleitet den väterlichen Freund auf die Straße. Aber irgendetwas stimmt nicht. Irgendwas ist faul. Vielleicht existiert das diktierte Wort nicht als geschriebene Datei. Vielleicht ist der Sekretär ein Manipulateur, ein Fälscher, ein Betrüger?

          Haushälterinnen schnüffeln gern, und bei Adair sorgt Mrs. Kilbride für quälende Unruhe. Was das für ein Puzzle sei, das zusammengesetzt auf dem Tisch liege, fragt sie den Blinden eines Morgens. Sein liebstes Gemälde - das Selbstbildnis von Rembrandt - hatte dieser beschreiben wollen und John in die Nationalgalerie nach London geschickt. Im Souvenirladen sollte er ein Puzzle davon kaufen, es auf dem Tisch ausbreiten und nur die Teile mit den Augen aussparen. Alle großen Selbstporträts seien von Blinden gemalt, so seine Behauptung. Ein Rembrandt ohne Augen war die Allegorie seiner Autobiografie. Zwei Männer seien doch aber auf dem Bild zu sehen, lenkt Mrs. Kilbride ein, ein "zusammengequetschtes und gestrecktes" Ding läge da außerdem am Boden.

          Der Blinde sieht sich betrogen. Nicht der Rembrandt, Holbeins "Gesandte" lagen hier, und Ryder hatte kein Wort darüber verloren. Es ist die verborgene Ankündigung eines Duells und ein böses Zeichen. Ein Blick im Weggehen, schräg über die Schulter, lässt die Konturen jenes "blinden Flecks" erkennen, den Mrs. Kilbride meint. Es ist ein in den Bildraum gesetzter Totenschädel, der als "hohles Bein" auf den Künstler selbst verweist, auf Holbein, den Namen des Autors.

          "Der Tod des Autors" hieß Gilbert Adairs vorletztes Buch. Es war seine Abrechnung mit der "Theorie", jenem "kleinen, engen und inzestuösen Universum der Literaturwissenschaften". Eine Biografie sollte darin geschrieben werden. Fast überdeutlich spielte der Roman auf den Literaturtheoretiker Paul de Man an, dessen nazistische Artikel aus der Kollaboration man 1987 entdeckt hatte. De Mans "Dekonstruktion" stand nun unter Verdacht, politische Vergangenheit vertuschen zu wollen. In seiner Fiktion allerdings ging es Adair nicht darum, das prekär gewordene Verhältnis von Theorie und Ideologie neu zu bestimmen. Er verstrickte seinen Helden kurzerhand in einen Krimi, nahm ihn beim Wort und ließ ihn am bekannten Diktum vom "Tod des Autors" buchstäblich krepieren.

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