https://www.faz.net/-gr3-6qh6l

Rezension: Belletristik : Bleiche Mutter DDR

  • Aktualisiert am

Thomas Brussig kuriert den Sozialismus aus einem Punkt / Von Sabine Brandt

          5 Min.

          Wer den Ostberliner Verlag Volk und Welt noch aus DDR-Zeiten kennt, wird staunen angesichts der frechen Aufmachung einer seiner diesjährigen Editionen. Der Roman "Helden wie wir" von Thomas Brussig präsentiert sich nämlich mit einem Umschlagbild, das alle sozialistischen Zensurinstanzen schon in der Planungsphase hätte aufheulen lassen. Es zeigt einen nackten männlichen Unterleib, aus kühlem Marmor zwar, doch nichtsdestoweniger provokativ. Vom erstaunlichen Wandel der Verhältnisse kündet also die Umschlagzier, und eben davon ist im Buch auch die Rede: Der Roman fängt in einem Narrenspiegel ein, wie aus der Vergangenheit der Deutschen Demokratischen Republik die Gegenwart der deutschen Einheit wurde.

          Über den Autor erfahren wir, daß er Ostberliner vom Jahrgang 1965 ist, sich für Charles Bukowski, Philipp Roth und John Irving begeistert und seinerzeit dem DDR-Regime offenbar quer lag. Aus welchem Grunde sonst wird ein Abiturient als Möbelträger, Museumspförtner, Hotelportier verschlissen? Erst nach der Wende konnte der junge Mann studieren, er wählte Soziologie und Dramaturgie. Falls das Buch, das er jetzt vorlegte, ein thematisches Programm andeutet, wird es diesem Autor an Stoff nicht mangeln. Brussig ist mit offenen Augen und Ohren durch Honeckers abgeschottete Welt gegangen.

          Nur er selbst könnte sagen, wieweit die Geschichte, die er erzählt, die seine ist. Aber daß er den Vorrat eigenen Erlebens und Miterlebens geplündert hat, steht außer Zweifel. Zu genau ist die Zeichnung selbst der nebensächlichen Details, als daß sie nur der Phantasie entstammen könnten. Freilich spielt Phantasie dennoch eine große Rolle, insofern nämlich, als die Realität phantastisch überhöht und bei aller Wiedererkennbarkeit aufs skurrilste verfremdet ist. So beschert uns einerseits die Gechichte vom jungen DDR-Bürger Klaus mit dem schrecklichen Nachnamen Uhltzscht ein Aha-Erlebnis nach dem anderen, weil wir immer wieder meinen, sie längst zu kennen, und läßt uns andererseits staunen über das sonderbare Panoptikum dieses Daseins im abgetrennten Stück Deutschland.

          Was mit dem Romanhelden in der Deutschen Demokratischen Republik geschah, erfahren wir aus seinem Munde, und zwar im Rahmen eines Interviews, das er einem Mister Kitzelstein von der "New York Times" gibt. Anlaß für das Interesse des Amerikaners ist das Gerücht, Uhltzscht sei derjenige gewesen, der die Öffnung der Berliner Mauer erzwang. Der Held bestätigt die Version, muß aber, um sie glaubhaft zu machen, weit ausholen, und so tischt er Mister Kitzelstein und den Buchlesern einen ganzen Erziehungsroman auf, Kläuschens Lehrjahre gewissermaßen - nicht etwa auch Wanderjahre, denn hinter dem antifaschistischen Schutzwall blieb man zu Hause und nährte sich redlich.

          Solche Biedersprüche drängen sich geradezu auf, denn die Umwelt des heranwachsenden Klaus ist von einer verrammelten und bigotten deutschen Spießigkeit, als sei die Deutsche Demokratische Republik geradewegs aus den Plüschstuben des neunzehnten Jahrhunderts herausgewachsen. Oder aus dem Mief der Hitlerzeit. Die Älteren unter den Lesern werden es nicht schwer finden, in Klaus' Kindheitsgeschichte deutliche Spuren der eigenen Kindheit auszumachen. Da wird auf Ordnung, Sauberkeit, Bravheit dressiert. Eltern, Lehrer und Jugendverband heischen pünktlichen Gehorsam. Alle wissen, was gut für das Kind ist, es braucht ihnen nur zu folgen, um zum nützlichen Mitglied der Volksgemeinschaft - pardon: der sozialistischen Menschengemeinschaft - heranzuwachsen.

          Doch nie kann Kläuschen seine Ärztin-Mutter, die "Hygiene-Göttin", zufriedenstellen, nie dem Stasi-Vater, der stets Bescheid und immer alles besser weiß, imponieren. In der Schule entwickelt er die falschen, weil den diversen Planvorhaben nicht dienlichen, Interessen. Wenn er bockt, so sind das nur matte Verteidigungsgesten, von denen keine ihn davor bewahrt, sich als Versager zu begreifen. Klaus' Mangel an Selbstwertgefühl manifestiert sich in seiner Physis - und nun kommt das Organ ins Spiel, das programmatisch auf dem Schutzumschlag prangt. Und wie es ins Spiel kommt! Man könnte sagen, das gesamte Schicksal des Helden stehe unter dem Aspekt niederschmetternden phallischen Unvermögens. An Drastischem wird dabei nicht gespart.

          Weitere Themen

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Topmeldungen

          Libyens Rebellenführer Haftar : Der eigensinnige Kriegsherr

          Die Bemühungen um Frieden in Libyen kreisen vor allem um Chalifa Haftar. Er gilt als ausgesprochen stur - sogar seinen Förderer Putin stieß er vor den Kopf. Auf Betreiben der Vereinigten Arabischen Emirate?
          Die Bundesliga in Aktion: Die Medienpartner verlangen nach Spannung.

          TV-Vermarktung : Das Milliardenspiel der Topklubs

          Die deutschen Topklubs stehen vor der größten Auktion ihrer Geschichte. Die Vermarktung der Fernsehrechte spült ihnen Milliarden in die Kassen. Streaming-Dienste bringen sich in Position – und das Kartellamt ist alarmiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.