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Rezension: Belletristik : Bier für Kisangani

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Wider das Reinheitsgebot: Urs Widmer braut im Kongo

          Urs Widmer ist der Tausendsassa unter unseren Prosapoeten, der Erfinder sonnig-heiterer und skurriler, witziger und aberwitziger, verspielter und makabrer, märchenhafter und verrückt-rasanter Geschichten. In seiner Erzählprosa sind alle Grenzkontrollen zwischen der Realität und der ersponnenen Wirklichkeit, auch einer Welt geheimer Wünsche oder Ängste, aufgehoben. Seine Bücher versprechen Lese-Abenteuer.

          Zu einer Lese-Safari lädt der neue Roman "Im Kongo". Widmer jongliert mit seinen Einfällen, springt von einem Haus in "Witikon, hoch über der Stadt Zürich", zu einem Altenheim, von Hitlers Berghof bei Berchtesgaden zum Urwald des Kongo. Der Ich-Erzähler Kuno, der fünfundzwanzig Jahre lang Pfleger im Heim war und den es unversehens in den Kongo verschlagen hat, als Filialleiter einer Schweizer Bierbrauerei, schreibt im afrikanischen Busch die Geschichte auf - die Geschichten, denn es sind zumindest vier: seine eigene und die seines Freundes Willy, seines Nebenbuhlers in der Liebe und Vorgängers in der Filiale von Kisangani, sowie die seines Vaters und des Freundes Berger, die beide dem geheimen Nachrichtendienst der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg angehörten.

          Die Geheimdienst- und Agentenstory spitzt sich parodistisch zu, als Berger, Erfinder eines optischen Zielgeräts, den Berghof besucht, wo Hitler seine Befehls-allmacht an sich selbst erprobt und sich zum Alkoholtrinken kommandiert. Sie hat ihren Spannungshöhepunkt in der Verhaftung Bergers und in einem Verhör, aus dem ihn ein telefonischer Hilferuf bei Hitler erlöst. Die Geschehnisse im Kongo beziehen ihre besonderen Effekte aus dem Zusammenprall eines tief archaischen Afrika mit der modernen Zivilisation und changieren zwischen drastischer Abenteuererzählung und der Parodie unserer Vorstellungen vom afrikanischen Dschungel.

          Abschnitte, die durch Kursivdruck abgehoben werden, sind sprachliche Kernstücke des Buches, poetische Beschwörungen jener Magie, von der das Leben großer Teile der Eingeborenen Afrikas noch beherrscht wird. Aber Widmer, der die Agentenstory durch Ironie leicht macht, erzählt auch von den Festen, Riten und Dämonen im Kongo auf eine Weise, die immer das Spiel der Erfindung erkennbar macht.

          Und doch wollte sich bei mir reine Lesefest-Stimmung nicht einstellen. Es wimmelt im Roman von Überraschungscoups, auch Märchenwunder fehlen nicht (im Kongo färbt sich über Nacht die Haut der Freunde und ihrer Frauen schwarz) - aber es schleicht sich auch Leerlauf mit ein. Wird Widmer Gefangener einer Masche, seiner Routine? Auf alle Freiheit Anspruch hat die Phantasie, aber nicht auf jeden Freibrief. Sie provoziert beim Leser den Gewöhnungs- und Ermüdungseffekt, wenn sie ins Beliebige streunt. WALTER HINCK

          Urs Widmer: "Im Kongo". Roman. Diogenes Verlag, Zürich 1996. 224 S., geb., 36,- DM.

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