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Rezension: Belletristik : Biedersinn im Austen-Pelz

  • Aktualisiert am

Eher schamlos: Joan Aiken schreibt eine Klassikerin weiter

          2 Min.

          Jane Austen hat nur einmal versucht, ein weibliches Schicksal absoluter Armut auszuliefern. Das Experiment heißt "Die Watsons" und seine Heldin Emma. Die Autorin hat den Entwurf nach achtzig Seiten abgebrochen, ob biographische Krisen oder kompositorische Schwierigkeiten dafür den Ausschlag gaben, läßt sich nicht entscheiden. Das Fragment hat alle Reize der zu Ende geführten Austen-Romane, die Erzählung ist lebhaft, gesellschaftlich weitvernetzt, ironisch, voller Lebensart und Menschenkenntnis. An keiner Stelle beleidigen die beschränkten Verhältnisse die Protagonistin, denn Austen war so klug, sie in ein Pfarrhaus zu versetzen, an den locus classicus der Literatur, wo Mittellosigkeit zur Tugend wird.

          Unzufrieden mit der glänzenden Gewebeprobe, die Austen ihrer Leserschaft bescherte, gab es einige, die sich durch das partielle Meisterstück zu Größerem berufen fühlten. Immer wieder haben flinke Federn es unternommen, zu triumphieren, wo Emmas Erfinderin die Lust verlor oder gescheitert war. Das jüngste und skrupelloseste Unternehmen, sich im Jane-Austen-Pelz unter die Leserherden zu schleichen, ist Joan Aikens Roman "Emma Watson". Damit die Maskerade nicht allzu sichtbar wird, hat Aiken auf das vorhandene Fragment verzichtet und unter Verwendung einiger weniger untergemischter Sätze ganz von neuem angefangen. Eine weise Entscheidung zum Schutz der eigenen Grenzen. Außer den übernommenen Namen und der Behauptung auf dem Buchumschlag, Aiken entwickelte die Austen-Geschichte weiter und sei "der Meisterin durchaus ebenbürtig", erinnert nichts an den Geist von "Sinn und Sinnlichkeit" und "Mansfield Park".

          Nachdem der Schleier des Stils von den Figuren Austens abgezogen wurde, bleiben nur brave Haupt- und krude Randfiguren ohne allen Zauber der Vornehmheit oder der Bosheit. Anstelle der smarten Repliken und kühlen Sentenzen ihrer Namensschwester stottert Aikens Heldin nur: "Das ist ja . . . ich meine . . . war er das wirklich?" Die Unterhaltungen werden durch moderne Gemeinplätze wie "Na, hör mal!" oder "Und wer bitte ist . . .?" gewürzt, vor denen alles Zeitkolorit die Flucht ergreift. Am schlimmsten wird der lokalen Adelsfamilie mitgespielt. Während Lady Osborne bei Austen noch ein Charisma besitzt, das die Anziehungskraft von Prousts Madame de Guermantes vorwegnimmt, verwandelt Aiken sie in die böse Stiefmutter der Grimmschen Märchen.

          Der jede Seite durchfröstelnde Biedersinn läßt Joan Aikens Handlung wie Skelettknochen hervortreten. Zum Zweck der Erzählung wird, was für Austen nur ein Vorwand war, um die Figuren zu studieren. Jenseits aller Psychologie geht es bei Aiken ausschließlich um die pragmatische Frage, wer mit wem die Ehe schließt. Ihre Expertise in diesem Punkt führt dazu, daß sie abseits aller vom Urtext in Aussicht gestellten Kandidaten für Emma einen neuen Mann erfindet, eine höchst gewöhnliche Type, die Austens Goldwaage des Taktgefühls ohne Zweifel schwer erschüttert hätte. Leeres Pathos, mit dem Holzhammer ausgeteilte Charakterauskünfte, belanglose Wortwechsel und eine trostlose Geschäftigkeit kennzeichnen Joan Aikens Buch. Vielleicht ließe es sich anders lesen, hätte die Autorin die Latte nicht so hoch gelegt. Den Namen Emma Watson sollte man zur Sicherheit auf alle Fälle patentieren lassen. INGEBORG HARMS

          Joan Aiken: "Emma Watson". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Renate Orth-Guttmann. Diogenes Verlag, Zürich 1997. 269 S., geb., 36,- DM.

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