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Rezension: Belletristik : Besuch beim großen Intendanten

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Die Novelle scheint sich gegenwärtig einer Renaissance zu erfreuen. Nachdem in den neunziger Jahren mit Entdeckung der Nutzungsmöglichkeiten von Computern die Erzählliteratur anschwoll und eine Masse an überaus dicken Wälzern bescherte, erinnern sich die Autoren inzwischen offenbar der handlicheren Stückchen, die den Lesern eine kurze und runde Lektüre versprechen.

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          Die Novelle scheint sich gegenwärtig einer Renaissance zu erfreuen. Nachdem in den neunziger Jahren mit Entdeckung der Nutzungsmöglichkeiten von Computern die Erzählliteratur anschwoll und eine Masse an überaus dicken Wälzern bescherte, erinnern sich die Autoren inzwischen offenbar der handlicheren Stückchen, die den Lesern eine kurze und runde Lektüre versprechen. Daß freilich nicht alles Novelle ist, was sich Novelle nennt, belegte zuletzt prominent und krebsgängig Günter Grass.

          Auch der bislang kaum als Schriftsteller aufgefallene Schauspieler Christof Wackernagel, der laut Klappentext "1977-1987 wegen bewaffneter Politik und Mitgliedschaft in der RAF inhaftiert" war, hat "Novelle" unter den Titel seines neuesten, dritten Buches geschrieben: "Gadhafi läßt bitten". Sein "Erzähler", Christof, lebt mit der Historikerin Renate zusammen, die sich mit Libyen beschäftigt und Aktivistin einer Art deutsch-libyscher Freundschaftsgesellschaft ist - was ihm "die Welt der Revolution und der arabischen Märchen" beschert und dem Autor die Möglichkeit, seine gesammelten Reise- und Revoluzzererfahrungen einer neuen Verwendung zuzuführen.

          Im September 1989 - "die Nachrichten langweilten mit Reportagen über wildgewordene DDR-Kleinbürger" - wird Renate vom libyschen Botschafter persönlich zu einer Blitzreise nach Tripolis eingeladen. Während ihrer "dreijährigen Informations- und Solidaritätsarbeit in Sachen Libyen" hat sie sich um den nordafrikanischen Wüstenstaat so verdient gemacht, daß sie sogar vier Landsleute zur "Feier im Zusammenhang mit dem zwanzigsten Jahrestag der Großen Revolution" mitbringen darf. Das sind drei bunte Vögel: "Paul, der bärtige Bilderbuch-Anarchist, Karlheinz, der unbeugsame Verbreiter unterdrückter Nachrichten, Hacky, der aufrechte Häuserkämpfer aus Köln", und natürlich Christof, denn einer muß uns das, was auf der Reise geschieht, ja erzählen.

          Der erzählt denn auch auf hundertvierzig Seiten so allerlei: vom Hinflug, von der Ankunft in Tripolis und der Unterbringung im vornehmsten Hotel der Stadt: "Von meinem Zimmer aus konnten wir den Hafen sehen, dessen Kräne mit Lichtergirlanden - vom Meer gespiegelt - geschmückt waren, den Grünen Platz und die an ihm liegende alte Festung, nachts kitschig bestrahlt. Der Blick aus Renatens Zimmer zeigte die von Lichterkränzen im Abstand von dreißig Metern überwölbten Straßen der alten ,Kolonialstadt' mit ihren dunklen und hellen, kompakten und verzierten, mächtigen und prächtigen Häusern aus osmanischer und italienischer Zeit."

          In so schöner Umgebung "zog es uns in verhaltener Hektik am Meer und unter Palmen entlang zum Grünen Platz, seinen Palmen und Bogenlampen, seinem rotbraunen Schloß, seinen beigen Altstadtmauern, seinen weißen Kolonialbauten, seiner Gleichzeitigkeit von Land und Meer, Zentrum und Rand, Tradition und Moderne - solange man nicht auf dem Grünen Platz gewesen war, solange war man nicht in Tripolis angekommen"; doch dann "strebten wir ziellos auf dem großen, neu betonierten Platz auseinander".

          Das ist Reiseführerprosa auf höchstem Niveau. Nur das Essen wird noch liebevoller beschrieben: "Ein Teller mit gefüllten Paprika und Tomaten stand nun vor mir, garniert mit ebenfalls mit einem köstlichen Hackfleisch gefüllten Auberginen, Kartoffelgratin und Zucchini"; und "Renate bekam bereits einen Teller mit Rind- und Kalbfleisch mit Gemüse vorgesetzt".

          Natürlich trifft unsere Reisegruppe mit Dame auch hin und wieder Leute, die das Land einerseits bevölkern und andererseits beherrschen. Jamal zum Beispiel, der alte Bochumer Kommilitone und mit Renate Leiter des "Libyen-Solidaritätskomitees", war "kein trockener Politfunktionär, sondern wußte das Leben zu genießen, wie es sich ihm bot, sei es in Gestalt frisch-frecher Bochumer Jungfrauen, sei es als Gaumenschmaus" - seinen Namen dürfe man freilich nicht verwechseln mit Jaml, denn das heiße "Kamel". Oder Al-Hadi, dessen "Diplomarbeit über ,berührungslose Geometrieerfassung bei glühenden Werkstücken' am Institut für Produktionssysteme der Ruhruniversität" unser Erzähler Christof "sprachlich korrigierte", was ihr erstaunlicherweise nicht geschadet hat.

          Aber alles, was da bisher in dieser libyschen Textwüste mitgeteilt wurde, dient nur der Vorbereitung auf den nach Wackernagels Meinung wohl novellenspendenden Höhepunkt des Büchleins. Denn kaum haben unsere fünf Reisegefährten den Grünen Platz von Tripolis verlassen, müssen sie nach Sirt weiterfliegen, wo Gadhafi geboren wurde und wo jene Feier stattfindet, auf der Gadhafi hunderte von "Großen Al-Fateh-Orden der Jamahiriya-Revolution" an alle denkbaren verstorbenen internationalen Größen und ein paar Dutzend lebende Diener der Revolution verteilt - auch an Renate, die "Präsidentin des Libyen-Solidaritätskomitees in der Bundesrepublik Deutschland", die auch in Libyen heftig darauf beharrt, "weder eine Grüne noch alternativ", sondern "Sozialistin und Internationalistin" zu sein.

          Dieses Verleihungsritual dauert viele Stunden, und Wackernagel bemüht sich, an seiner ebenso endlosen Beschreibung seine endliche satirische Begabung zu erproben, weshalb er denn auch den "Großen Intendanten" "in seinem durchsichtigen Puffmutterumhang" "alt aussehen" läßt, aufgeschwemmt von vielen Aufputsch- und Beruhigungstabletten. Doch es dauert noch ein paar Stunden und viele belanglose Seiten, bis der letzte Orden an den Mann und nur ganz selten an die Frau gebracht worden ist.

          War es nun die "Welt der Revolution" oder die Welt "der arabischen Märchen", die der Leser da besichtigen durfte? Am Ende, auf dreieinhalb Seiten, reiht Wackernagel Fragesatz an Fragesatz, und jeder dieser Sätze enthält eine Behauptung vom Fortgang der Geschichte, die freilich durch ihre Frageform sogleich bezweifelt wird. Das könnte ein allzu deutlicher Hinweis darauf sein, daß Christof Wackernagel seinem gleichnamigen Erzähler nur die Rolle eines arabischen Märchenerzählers zugedacht hat.

          Aber wen ficht's an? Diese unsägliche Schmonzette ist weder eine Novelle noch eine Erzählung, und der Schriftsteller ist ganz offensichtlich eine Rolle, die nicht jedem Schauspieler liegt.

          HEINZ LUDWIG ARNOLD

          Christof Wackernagel: "Gadhafi läßt bitten". Novelle. Zu Klampen Verlag, Lüneburg 2002. 142 S., geb., 14,- [Euro].

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