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Rezension: Belletristik : Besuch beim großen Intendanten

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Das ist Reiseführerprosa auf höchstem Niveau. Nur das Essen wird noch liebevoller beschrieben: "Ein Teller mit gefüllten Paprika und Tomaten stand nun vor mir, garniert mit ebenfalls mit einem köstlichen Hackfleisch gefüllten Auberginen, Kartoffelgratin und Zucchini"; und "Renate bekam bereits einen Teller mit Rind- und Kalbfleisch mit Gemüse vorgesetzt".

Natürlich trifft unsere Reisegruppe mit Dame auch hin und wieder Leute, die das Land einerseits bevölkern und andererseits beherrschen. Jamal zum Beispiel, der alte Bochumer Kommilitone und mit Renate Leiter des "Libyen-Solidaritätskomitees", war "kein trockener Politfunktionär, sondern wußte das Leben zu genießen, wie es sich ihm bot, sei es in Gestalt frisch-frecher Bochumer Jungfrauen, sei es als Gaumenschmaus" - seinen Namen dürfe man freilich nicht verwechseln mit Jaml, denn das heiße "Kamel". Oder Al-Hadi, dessen "Diplomarbeit über ,berührungslose Geometrieerfassung bei glühenden Werkstücken' am Institut für Produktionssysteme der Ruhruniversität" unser Erzähler Christof "sprachlich korrigierte", was ihr erstaunlicherweise nicht geschadet hat.

Aber alles, was da bisher in dieser libyschen Textwüste mitgeteilt wurde, dient nur der Vorbereitung auf den nach Wackernagels Meinung wohl novellenspendenden Höhepunkt des Büchleins. Denn kaum haben unsere fünf Reisegefährten den Grünen Platz von Tripolis verlassen, müssen sie nach Sirt weiterfliegen, wo Gadhafi geboren wurde und wo jene Feier stattfindet, auf der Gadhafi hunderte von "Großen Al-Fateh-Orden der Jamahiriya-Revolution" an alle denkbaren verstorbenen internationalen Größen und ein paar Dutzend lebende Diener der Revolution verteilt - auch an Renate, die "Präsidentin des Libyen-Solidaritätskomitees in der Bundesrepublik Deutschland", die auch in Libyen heftig darauf beharrt, "weder eine Grüne noch alternativ", sondern "Sozialistin und Internationalistin" zu sein.

Dieses Verleihungsritual dauert viele Stunden, und Wackernagel bemüht sich, an seiner ebenso endlosen Beschreibung seine endliche satirische Begabung zu erproben, weshalb er denn auch den "Großen Intendanten" "in seinem durchsichtigen Puffmutterumhang" "alt aussehen" läßt, aufgeschwemmt von vielen Aufputsch- und Beruhigungstabletten. Doch es dauert noch ein paar Stunden und viele belanglose Seiten, bis der letzte Orden an den Mann und nur ganz selten an die Frau gebracht worden ist.

War es nun die "Welt der Revolution" oder die Welt "der arabischen Märchen", die der Leser da besichtigen durfte? Am Ende, auf dreieinhalb Seiten, reiht Wackernagel Fragesatz an Fragesatz, und jeder dieser Sätze enthält eine Behauptung vom Fortgang der Geschichte, die freilich durch ihre Frageform sogleich bezweifelt wird. Das könnte ein allzu deutlicher Hinweis darauf sein, daß Christof Wackernagel seinem gleichnamigen Erzähler nur die Rolle eines arabischen Märchenerzählers zugedacht hat.

Aber wen ficht's an? Diese unsägliche Schmonzette ist weder eine Novelle noch eine Erzählung, und der Schriftsteller ist ganz offensichtlich eine Rolle, die nicht jedem Schauspieler liegt.

HEINZ LUDWIG ARNOLD

Christof Wackernagel: "Gadhafi läßt bitten". Novelle. Zu Klampen Verlag, Lüneburg 2002. 142 S., geb., 14,- [Euro].

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