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Rezension: Belletristik : Bericht von den Pyramiden in der Mitte Europas

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Der Journalismus triumphiert in der Literatur: Achtzehn Audienzen bei den Statthaltern des Leidens: Richard Swartz recherchiert im Osten / Von Thomas Steinfeld

          11 Min.

          Einmal, erzählt Richard Swartz, habe er sich vom Osten befreien wollen, von seinen Depressionen, seiner Armut und von einer Vergangenheit, die nicht vergehen mag. In Paris meinte er sich in Sicherheit bringen zu können. "Ich hatte von meinem Leben im Osten erzählen wollen, diesem wirklichen, tatsächlich existierenden Leben, von dem hier keiner schrieb oder sprach. Paris aber wollte nur seine eigene Stimme hören. Meine zählte nicht." Auf dem Boulevard Saint-Michel trifft der Erzähler den ungarischen Dichter M., einen Mann, der daheim von olympischer Arroganz war und zu den großen Raubtieren zählte. In Frankreich aber ist M. auch nur ein Besucher in Joggingschuhen aus der europäischen Provinz, einer, der im Ramsch der Buchhandlungen wühlt und doch nichts kauft, ein hilfloser Liebhaber von Paris.

          Nicht hören und sich immer wieder die eigene Geschichte erzählen: das sind die Metropolen des alten Westens. Die Geschichte des Ostens, die bis vor sieben Jahren die Geschichte eines anderen Sterns gewesen ist, erreicht sie immer noch nicht. Und dort, wo sie den Westen ereilt, ist der Stern, der das Licht aussandte, längst erloschen. Gewiß, seitdem Osteuropa zugänglich ist, gibt es einen Haufen Bekenntnisse zur gemeinsamen Geschichte, verläßliche Fahrpläne und Landkarten. Dies alles suggeriert den Zusammenhang einer Welt, deren Linien man mit dem Finger nachzeichnen kann. Zum Beispiel die Europastraße 40. Sie durchzieht den Kontinent von Calais über Köln, Weimar und Breslau und verliert sich erst weit jenseits von Kiew. An dieser Straße, etwa zweihundert Kilometer östlich von Krakau, vor der Grenze zur Ukraine, liegt die Stadt Przemysl. Geographisch betrachtet, ist Przemysl die Mitte Europas. Aber das interessiert hier keinen. Außerdem gibt es mehrere Städte, die gern die Mitte sein möchten, und vielleicht war Przemysl nie der seriöseste Anwärter. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts beschrieb der galizische Schriftsteller Karl Emil Franzos, der Wiederentdecker Georg Büchners, die Welt, die hinter Przemysl begann, und nannte sie Halbasien. Halb Europa, halb Asien, ein Ort, auf dem die europäische Zivilisation nur ein dünner Firnis ist.

          "Als ich aber dorthin komme", berichtet Richard Swartz in einem von achtzehn Korrespondentenstücken, aus denen der Band "Room Service" komponiert ist, "stellt sich heraus, daß Przemysl nicht mehr in der Mitte Europas liegt, sondern an seinem Rande, dort, wo Europa endet. Oder wo Europa beginnt, je nachdem, wie man es betrachtet, und es dauert nicht einmal drei Tage, bis ich mich davon überzeugt habe." Zwölf Seiten hat der Bericht, und sie reichen aus, um Przemysl als Weltzustand zu beschreiben. Zwölf Seiten: Literatur? Reportage? Poesie?

          Die Literatur, so scheint es, hat die Wirklichkeit verloren. Sie hat sich immer mehr zur nur noch literarischen Literatur entwickelt, die sich zu etwas Höherem stilisiert und die Welthaltigkeit wie Ballast abwirft, um weiter steigen zu können. Im Journalismus ist unterdessen ein neues Genre herangewachsen. Es füllt das von der Literatur hinterlassene Vakuum und erweist sich ihr oft genug als überlegen. Bruce Chatwin ist ein Beispiel für diesen Sieg des Journalismus über die Dichtung. Und er wußte, was er tat, als er in seinen Reisebericht aus Patagonien Erzählfiguren wie aus den großen Epen aufnahm und so demonstrierte, welche Literatur die Reportage zu beerben gedenkt. Manche seiner Werke werden rezipiert wie Gedichte.

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