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Rezension: Belletristik : Augenglut und Herzenskühle

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Im Frontalunterricht: Clara Pinto-Correira doziert einen Roman

          4 Min.

          Die Versuchsanordnung dieses Romans ist bescheiden. Ein ebenso schlichter wie verkrampfter amerikanischer Kunsthistoriker und eine ebenso feurige wie unverkrampfte portugiesische Biologin treffen sich durch Zufall auf einem wissenschaftlichen Kongress. Sie entdecken, dass sich nicht nur die Gegensätze ihrer Mentalitäten anziehen, sondern dass sie an denselben Themen Interesse zeigen. Es sind Themen aus den klassischen Grenzbereichen zwischen strenger Theorie und chaotisch unvernünftigem Leben, Themen, an denen Chuck, der Geisteswissenschaftler, sich ebenso abrackert wie Ana Maria, die Naturwissenschaftlerin.

          Die Autorin Clara Pinto-Correira, 1960 in Lissabon geboren, ist Biologieprofessorin, sie lehrt in Harvard. Was lag da näher, als ihrer Heldin Ana Maria ein Semester in Stanford zu gönnen? Ana Maria erhält eine Auszeit, ein Stipendium bei Chuck, sie steigt um in die geisteswissenschaftliche Forschung, denn Chuck arbeitet an einer Studie über das Lissabonner Erdbeben des Jahres 1755. Ana Maria darf die portugiesischen Quellen für ihn übersetzen und auch gleich kommentieren.

          So weit die Ausgangslage: Sie ist grob geschnitzt und weist einen beachtlichen Mangel an romantauglichen Motiven auf. Denn wovon soll hier erzählt werden? Wie Ana Maria und Chuck sich beide über die Quellen beugen und gleichsam nebenbei alle Rätsel über das Erdbeben von Lissabon lösen? Schon auf den ersten Blick liegen die Schwächen der Konzeption auf der Hand. Die beiden zentralen Figuren haben keine eigene Geschichte, und ihre Charaktere sind zu flach, als dass sie das Interesse des Lesers fesseln würden. Kann es einen hilfloseren Romanplot geben als den, dass zwei nicht einmal besonders intensiv miteinander beschäftigte Menschen sich an ein gemeinsames Forschungsprojekt machen? Clara Pinto-Correira ist hier einiges durcheinander geraten. Vielleicht hatte sie den Traum vom postmodernen Wissenschaftsroman, in dem die Gespräche über das Forschungsthema die Biographien bloßlegen. Doch um diesen Roman zu schreiben, hätte es einer raffinierteren Erzählerin bedurft. "Stumme Boten" wirkt wie eine Stunde Frontalunterricht, die durch einige Anekdoten vergnüglicher werden soll. Die Autorin mustert die ganze Fülle der Themen und Ideen ohne den geringsten Schimmer, wie diese Themen eine Erzählung vorantreiben oder gar zu Erzählmaterial werden könnten. So haben wir es mit dem Schlachtfeld eines Romanprojekts zu tun, und am Ende warten die bösen Überraschungen.

          Das Studium der Quellen bildet den Hauptteil des Romans. Clara Pinto-Correira ist auf diesem Gebiet ebenso fleißig und vor allem unermüdlich wie ihre Heldin. Beschreibungen und zeitgenössische Kommentare zum Lissabonner Erdbeben werden aber nicht etwa umerzählt oder auf geschickte Weise in den Roman integriert, sondern seitenweise zitiert. Leider sind die Zitate nicht ausschließlich Trouvaillen der Forschung, sondern häufig ganz vom Zeitgeist geprägte Texte, die den beiden Forschern höchstens ein paar Stoßseufzer oder einige knappe Bemerkungen entlocken.

          In den Jahrzehnten vor dem Erdbeben haben sich, stellen unsere Forschungsbeauftragten fest, in aller Welt Erscheinungen von Monstern und anderen wunderbaren Wesen gehäuft. Je näher das Erdbeben rückt, umso näher rücken diese Erscheinungen seltsamerweise an Lissabon heran, schließlich werden die Beobachtungen in der Stadt selbst gemacht. Es ist, als hätte eine ferne, lenkende Macht das bevorstehende Unglück mit einigen wohl überlegten Fingerzeigen - mit Hilfe also von "stummen Boten" gleichsam - andeuten wollen. Hätte ein zeitgenössischer Beobachter all diese Quellen nacheinander und mit Überblick zu lesen verstanden, so hätte er Ort und Zeit des Erdbebens in etwa voraussagen können.

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