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Rezension: Belletristik : Auf venezianische Weise geregelt

  • Aktualisiert am

Die Vorlieben des biederen venezianischen Commissario Guido Brunetti sind aus den vorangehenden acht Romanen Donna Leons hinlänglich bekannt. Am liebsten liegt er wie ein "gestrandeter Wal" daheim auf dem Sofa, nippt hin und wieder am Grappa und blättert tatenarm, aber gedankenvoll in seiner Xenophon-Ausgabe.

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          Die Vorlieben des biederen venezianischen Commissario Guido Brunetti sind aus den vorangehenden acht Romanen Donna Leons hinlänglich bekannt. Am liebsten liegt er wie ein "gestrandeter Wal" daheim auf dem Sofa, nippt hin und wieder am Grappa und blättert tatenarm, aber gedankenvoll in seiner Xenophon-Ausgabe. Denn er ist ein gebildeter Mann und wohl sogar ein wenig überqualifiziert für das rauhe Geschäft der Verbrecherjagd. Das häusliche Glück scheint vollkommen, zumal Gattin Paola es seit dem letzten Buch aufgegeben hat, auf eigene Faust gegen die Übel dieser Welt anzukämpfen, womit sie ihren Ehemann in beträchtliche Konflikte mit seinen Dienstpflichten gebracht hatte. Statt dessen bereitet sie nun wieder geduldig das nächste Risotto vor, Erbse für Erbse.

          Doch plötzlich gerät die Reis-und-Pasta-Idylle der Brunettis in Gefahr. Ein sympathischer Beamter des Katasteramts nämlich versucht dem verdutzten Commissario zu beweisen, daß sein geliebtes Domizil im Herzen Venedigs überhaupt nicht existiert. Baupläne, gar eine Baugenehmigung für die Dachgeschoßwohnung der Brunettis hat es offenbar nie gegeben, und so droht nach strenger Behördenlogik eine schwere Geldbuße, womöglich gar der Abriß der Wohnung. Das ist zweifellos eine betrübliche Nachricht für den ruhebedürftigen Polizisten, der nun gemeinsam mit Paola nach Möglichkeiten suchen muß, diese Angelegenheit auf venezianische Weise, also abseits der amtlichen Wege, zu regeln. Aber taugen solche Wohnungsprobleme dazu, Spannung über mehr als dreihundert Seiten aufrechtzuerhalten?

          Das hat sich Donna Leon offenbar auch gefragt, und so läßt sie sich denn allerhand einfallen, um Brunettis private Sorgen mit dreieinhalb richtigen Kriminalfällen zu verbinden. Eines Tages verunglückt der nette Katasterbeamte bei einem Sturz vom Baugerüst. Einzig der instinktsichere Brunetti, dem dieser vermeintliche Unfall eigentlich ganz willkommen sein dürfte, wittert dahinter ein Verbrechen und beginnt eigenmächtig seine Recherchen. Die führen ihn - wir haben es nicht anders erwartet - in einen tiefen Sumpf von Korruption und Bestechlichkeit. So dürfte dieses neue Buch für treue Brunetti-Fans wenig Überraschendes bieten, weshalb denn auch die Handlung immer träger vor sich hin dümpelt, wie das trübe Wasser in einem Kanal.

          Gegen Langeweile aber glaubt Donna Leon ein sicheres Rezept zu kennen, schließlich hat sie noch jeden ihrer Romane mit einer wohldosierten Dosis Sozialkritik ausgestattet. Diesmal meint sie es besonders gut und greift gleich zwei heiße oder eher lauwarme Eisen auf. Da ist zunächst das Rauschgift, das hoffnungsvolle Söhne in rücksichtslose Dealer oder hilflose Opfer verwandelt und selbst standhafte Väter zum Weinen bringt. So hat man es oft gelesen, und so beschreibt es auch Donna Leon. Kaum ein Klischee läßt sie bei der Beschreibung des Drogenmilieus aus, vergißt auch nicht den "guten Junkie", der als braver Junge vom Land in der großen Stadt verführt wird. Eine hübsche Pointe besteht freilich darin, daß diesmal Brunettis Vorgesetzter, der unsympathische Vice-Questore Patta, gewaltig leiden muß, da sein eigener Sohn als Dealer verhaftet wird. So dient die Rauschgiftszene allein als gruslig-pittoresker Hintergrund für Brunettis unermüdliche Streifzüge durch Venedig und hat wenig mit der eigentlichen Handlung zu tun.

          Ein weit schlimmeres Übel verbirgt sich unter dem Deckmantel christlicher Nächstenliebe, wie Brunetti während seiner Ausflüge entdecken muß: Ein abgerissenes altes Paar, das täglich auf dem Campo San Luca Besucher empfängt, verschenkt öffentlich Heiligenbilder, heimlich aber verleiht es Geld zu Wucherzinsen und hat auf diese Weise bereits zahlreiche venezianische Häuser in seinen Besitz gebracht. Die moralische Entrüstung des guten Commissario und seiner Erfinderin ist groß, und das leise geraunte Zauberwort "Mafia" verleiht allen Machenschaften ein zusätzliches Geheimnis, an das niemand zu rühren wagt. Deshalb verschwinden die alten Wucherer auch bald wieder aus dem Blickfeld der Leser. Statt dessen erscheinen in den letzten Kapiteln des Romans unversehens zwei neue Verdächtige, die sich schließlich als die wahren Schuldigen am Tod des Katasterbeamten offenbaren. Mit Drogen oder Zinswucher haben sie allerdings nichts zu tun, am allerwenigsten mit der Mafia.

          Es läßt sich nicht länger verschweigen: Donna Leon hat ein fades und verworrenes Buch geschrieben. Enttäuschten Lesern sei am Ende der Rat gegeben, es dem gebildeten Brunetti gleichzutun und sich mit einer Ausgabe der "Anabasis" aufs nächste Sofa zu legen. Xenophons Berichte über das griechische Heer können an Spannung und klarer Handlungsführung all das wettmachen, was dieser Roman vermissen läßt.

          SABINE DOERING

          Donna Leon: "Feine Freunde". Commissario Brunettis neunter Fall. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Elwenspoek. Diogenes Verlag, Zürich 2001. 333 S., geb., 19,90 [Euro].

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