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Rezension: Belletristik : Auf Mauleseln durch die Mancha

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Einführung in die vergleichende Schlachtbeschreibung: Benito Pérez Galdós beschreibt die spanische Geschichte · Von Rolf Vollmann

          5 Min.

          Jeder vernünftige Leser weiß, daß der klassische historische Roman, wenigstens seit Del Valle-Incláns "Karlistenkriegen", ein Unding ist, bestenfalls eine große Trivialität; seit 1908 also; und auch die historischen Romane davor lesen sich seither natürlich ganz anders: undinghafter, trivialer. Das eigentliche Kreuz mit historischen Romanen sind jene unvermeidlichen Figuren, die das wissen, was der lange nach ihnen lebende Autor weiß: mehr also, als sie wissen können. Und sicher ist das der Hauptgrund dafür, daß der Roman im schöneren Sinne, ohne ein Beiwort, immer in der Gegenwart des Autors und seiner Leser gespielt hat oder doch nahebei. So macht ihn auch das Alter niemals zu einem historischen Roman, im Gegenteil, es unterscheidet ihn immer deutlicher von diesem; denn dessen Figuren behalten recht, seine aber werden sich grausam geirrt haben können.

          Natürlich gibt es auch unter den historischen Romanen große Stücke, man denke an Tolstois "Krieg und Frieden", an Fontanes "Vor dem Sturm". Fast alle historischen Romane haben gewisse erzieherische Absichten des Autors gemeinsam, patriotische Absichten meistens - das rückt sie, ihrer Erbaulichkeit wegen, dann noch näher ans Triviale heran. Wenn sie am Anfang des letzten Jahrhunderts spielen, ist meistens auch Napoleon beteiligt, und das heißt: Ihre Autoren haben in der Regel einen außerordentlich starken Hang zu Schlachtbeschreibungen, so sehr, daß sich in der Komparatistik leicht das Fach der vergleichenden Schlachtbeschreibung einrichten ließe.

          Fontane zum Beispiel, der gewisse Schwierigkeiten hat, ins Oderbruch seiner Vitzewitzens mehr als kleine Scharmützel zu verlegen, liebt Schlachtbeschreibungen so sehr, daß er die Mitglieder seiner Berliner "Kastalia" zweimal Offiziere einladen läßt, die jeweils eine Schlacht erzählen müssen: Hirschfeldt die seines Bruders in Spanien, Meerheimb die von Borodino, grausig genug übrigens. Man kann sich fragen, ob einer wirklich gern Schlachten beschriebe, wenn er sie nicht heimlich liebte.

          Nun haben wir in Deutschland eines der ganz großen Genies des historischen Romans niemals kennenlernen können, nämlich Benito Pérez Galdós. Er lebte von 1843 bis 1920. Ungefähr 1870 hatte er sich vorgenommen, die spanisch-vaterländische Geschichte seit 1805 in Serien von Romanen zu beschreiben; 1873 begann er damit und brachte innerhalb von zwölf Monaten vier Romane heraus, die zwischen 1805, dem Jahr der Vernichtung der spanischen Armada bei Trafalgar, und 1808 spielen, dem Jahr, in welchem die Franzosen, die Spanien besetzt hatten, ihre erste große Niederlage, bei Bailén, erlitten. Seit seinen so entschieden antiklerikalen Romanen, etwa seiner "Gloria" von 1877, ist Pérez Galdós immer wieder übersetzt worden, einiges ist auch jetzt im Handel (leider nicht mehr "Fortunata und Jacinta", eines seiner schönsten Bücher); nichts aber kannten wir bisher von den sechsundvierzig Romanen seiner erzählten Nationalgeschichte.

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