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Rezension: Belletristik : Auf der Spitze des Wasserfalls

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Miljenko Jergovic erzählt aus seiner belagerten Heimatstadt Sarajevo

          4 Min.

          Viele haben über den jugoslawischen Bürgerkrieg geschrieben. Publizisten, Journalisten, Politiker, Intellektuelle jedweder Couleur und Kenntnis berichteten als Augenzeugen, lieferten historische und anthropologische Analysen oder verfaßten moralistische und medienkritische Traktate. Am peinlichsten geriet dies Peter Handke, der Urteile simulierte, die immer nur Meinung waren, und der so in den Augen vieler die letzten Überreste seines schriftstellerischen Ansehens verspielte. Was Literatur, die diesen Namen verdient, zu leisten vermag angesichts der Grauen dieses Krieges, zeigen die Erzählungen des dreißigjährigen bosnischen Schriftstellers Miljenko Jergovic. "Sarajevo Marlboro" ist ein wichtiges Buch, das so spannend und erkenntnisreich von den Menschen im jüngst belagerten Sarajevo erzählt wie Ivo Andrics Roman "Die Brücke über die Drina" von den historisch verwurzelten Spannungen der balkanischen Völker in Bosnien. Jergovic kennt, wovon er erzählt. Er ist in Sarajevo geboren und hat dort bis 1993 gelebt. Seine Geschichten handeln alle von Sarajevo, besser: von den Menschen dort, Muslimen, Kroaten, Serben. Und alle Geschichten, auch wenn sie zum Teil lange vor dem Krieg beginnen, ragen in den Krieg hinein, ja haben ihren Erkenntnisort nur dort. Sie sind, wenn man das von Literatur sagen kann, authentisch. Aber vor allem sind sie vertrackt; sie pointieren den Stoff so, daß mal der tragischen Situation die komischen Aspekte, ein andermal dem komischen Verlauf die tragischen Momente abgelesen werden können.

          Jergovic gibt den Erzählungen einen Rahmen. Zunächst erzählt er unter dem Titel "Unumgängliches Detail aus der Biographie" von Erfahrungen eines Knaben mit dem Tod: von einem Autounfall zum Beispiel, bei dem vier junge Männer umgekommen sind und der ihn merkwürdig kaltgelassen hat; und dann die folgende Geschichte: "Dzemo erzählt von einem Mädchen, das wegen eines jungen Mannes von der Spitze des Wasserfalls gesprungen ist. Als dieser das gehört habe, sei er auch gesprungen. Aber das Mädchen war nicht umgekommen, sondern am nächsten Tag wieder in der Stadt erschienen. Sie fragte die Leute, wo ihr Freund sei, und die sagten, er sei ihr nachgesprungen. Das ließ sie so verzweifeln, daß sie wieder sprang. Niemand außer ihr hat Dzemo geglaubt. Du hast ihn gefragt, ob der junge Mann nach dem Sprung vielleicht wieder lebendig aufgetaucht sei. Nein."

          Darin ist, in fast anekdotischer Kürze, die erzählerische Vertracktheit der Geschichten modellhaft abgebildet, die unter dem leitenden Titel "Rekonstruktion der Ereignisse" stehen: Rekonstruiert werden Verläufe von Ereignissen, die ebenso erstaunlich wie alltäglich sein können. Diese Verläufe werden, offen oder implizit, erzählerisch befragt nach möglichen normalen oder faktischen außerordentlichen Fortgängen, freilich immer in der Erwartung des Lesers, daß sich die Spannungsschraube weiter drehe; die Antwort auf solche Erwartung, also die Haltung des Erzählers in der Geschichte, die die Geschichte der Menschen im belagerten Sarajevo aufbewahrt, ist lakonisch. Nie kommt Larmoyanz auf, und die allgegenwärtige Trauer bleibt unaufdringlich und unabweisbar.

          So heißt es in der ersten Geschichte, die von einem erfrorenen Kaktus handelt: "Der Krieg hat mich gelehrt, Gefühle und Nerven künstlich ruhig zu halten. Wenn einer anfängt, von irgendwelchen Sachen zu erzählen, die mich besonders mitnehmen könnten, geht irgendwo in meinem Innern ein rotes Lämpchen an, wie jenes, das Geräusche bei der Aufnahme wegfiltert, und ich empfinde nichts mehr. Aber wenn ich an den Kaktus denke, hilft gar nichts. Es ist wie ein winziges Derivat der Trauer, nur scheinbar ungefährlich (. . . ). Aber die Sache ist nicht so wichtig, außer als Mahnung, daß man sich im Leben vor Details hüten soll. Und vor nichts anderem."

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